Kultur : Höllen-Orgel

ANDREAS KRIEGER

Stofftiere auf dem Flügel, Cognac im Glas und bizarr-muffige Klamotten am Leib - das sind die Requisiten, mit denen Charlemagne Palestine seine Konzerte zu Performances aufpeppt. Doch trotz seines Selbstinszenierungstalents ist der New Yorker Künstler, einer der Gründer der Minimal Music, dem großen Publikum unbekannt geblieben. Vielleicht liegt es an seinem exotischen Interesse für die physische Qualität des Klanges. Als Jugendlicher erlernte Palestine das Spiel des Carillon, eines Glockeninstrumentes, dessen Klaviatur mit Fäusten geschlagen wird. Heute benützt er eine ähnliche Technik bei seinen Klavier-Kompositionen. "Mal schauen, was passiert", quäkt Palestine bevor er sich in den Sophiensälen an den Flügel setzt. Doch es passiert erst mal nicht so viel. In den ersten 20 Minuten seines gut halbstündigen Stückes "Strumming Music 1999" schlägt er zwei Tasten abwechselnd im Quintabstand. Das ist tatsächlich minimal, aber auch wenig originell. Doch durch kontinuierliche Steigerung schafft Palestine Spannung. Zu Beginn spielt er noch langsam und so leise, daß das nervtötende Brummen eines Scheinwerfers die Töne zu übertönen droht. Dann gibt Palestine Gas, wird lauter und schneller. Es ist aufregend zu verfolgen, wie sich nun über den flink geschlagenen Klängen als zweite Ebene eine majestätische, durch Obertöne angeregte Resonanzschwingung aufbaut - dieser Sound ist das Markenzeichen von Palestine. In immer tiefere Lagen arbeitet er sich vor, schlägt mit den Handflächen auf die Tasten, bis die Schwingungen wie eine Höllen-Orgel brausen. Als die letzten Töne wieder in der brummenden Umgebung verenden, verharrt Palestine minutenlang regungslos. Nur der Daumen an seiner rechten Hand zuckt nervös weiter.

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