Kultur : Höllenangst und Handke

Saisonschluss: Die Wiener Burg spielt Boulevard – und kündigt Radikales an

Christina Kaindl-Hönig

Spätsommerliche Nachmittagssonne ergießt sich in ein altmodisches, liebevoll gepflegtes Wohnzimmer, Salonjazz plätschert heiter durch die Szenerie. It’s Tea- Time im Wiener Akademietheater: In altjungferlichen Blümchenkleidern (Kostüme: Bettina Munzer) versorgen die Schwestern Abby und Martha Brewster alias Kirsten Dene und Libgart Schwarz den Pfarrer Harper (Peter Matic) mit Keksen und Quittenmarmelade. Eine perfekte bürgerliche Idylle, würde da nicht ein toter Mann in der hübschen weißen Fensterbank liegen und elf weitere Leichen im Keller.

Mit „Arsen und Spitzenhäubchen“, Joseph Kesselrings Broadway-Hit von 1939, beschließt das Wiener Burgtheater seine diesjährige Saison. Eine Boulevard-Komödie, die Kesselring als sozialkritisch- düsteres Drama gesehen haben wollte. Frank Capra machte 1941 aus der Kriminalgroteske eine schwarze Screwball-Komödie, die mit Cary Grant und Peter Lorre als Klassiker in die Filmgeschichte einging.

Hell ausgeleuchtet hingegen ist nun die Version von Barbara Frey und ihrer Bühnenbildnerin Bettina Meyer. Verzweifelt versucht Mortimer – Michael Maertens als frustrierter Theaterkritiker – Ordnung in das Leichenchaos seiner skrupellosen Tanten zu bringen, ohne dass aus der perfekten Bühnenillusion mitreißende Komik oder dunkles Gruseln werden würden. Erst knallt die Tür, dann die Handtasche ins Gesicht, schließlich des Neffen Hand auf den Po von Tante Abby. „Rums“ – Mortimer segelt die Treppe hinab, fassungslos im Angesicht des mörderischen Treibens der Tanten, die aus karitativer Überzeugung einsame alte Männer mittels Arsen im Holunderwein ins Paradies befördern.

Ihren heiligen Keller wollen die Damen freilich nicht durch eine fremde Leiche ihres zweiten, mörderischen Neffen Jonathan entweiht sehen, den Peter Simonischek als krummen Frankenstein-Verschnitt schlurfen lässt. Urs Hefti als verrückter Teddy und Maria Happel als schnippisch den Rock lüftende Verlobte Mortimers vervollständigen die skurrile Horde. Die Wohnzimmerkomödie endet schließlich mit zwei kindlich entzückten Tanten vor einem neuen Opfer, in jener Anfangsidylle, deren Jazzklänge den Abend intonieren. Trotz zahlreicher Slapstick-Einlagen aber bringt Barbara Frey die Mechanik der Komödie nicht zum Surren. Den Szenen fehlt Rhythmus und Tempo, auch die Dynamik, die das Stück bei differenzierter gezeichneten Figurenkonstellationen bieten könnte. In Freys trockener und jeglicher tieferen Deutung entbehrenden Inszenierung bleibt so ein Starensemble auf der Strecke, dessen Spielfreude die Stückwahl hätte rechtfertigen können.

Eine Boulevardklamotte also steht am Ende einer künstlerisch etwas dürftigen, doch dramaturgisch interessanten Burg- Saison. Raimunds „Der Verschwender“ korrespondierte mit Gert Jonkes Geistern der „Versunkenen Kathedrale“ ebenso wie die Verhältnisse aus Gorkis „Kleinbürgern“ mit Franzobels „Messias“ und Martin Crimps alptraumartigem Kammerspielszenario von „Weniger Notfälle“ oder Jon Fosses „Schlaf“.

Nach „sieben fetten Jahren“ präsentierte Klaus Bachler jetzt sein „radikalstes und entschiedenstes Programm“ für seine achte Spielzeit: Eröffnet wird die Saison im Herbst mit Martin Kušejs Inszenierung von Nestroys „Höllenangst“ (als Koproduktion mit den diesjährigen Salzburger Festspielen) und Andrea Breths Version von Schillers „Wallenstein“-Trilogie als Mammutwerk an zwei Abenden. Ansonsten herrscht Shakespeare: „Viel Lärm um Nichts“ im Burg-Regiedebüt von Jan Bosse, „Julius Caesar“ in einer eigenen Fassung Falk Richters und „Maß für Maß“ (Regie: Karin Beier). Gert Voss wird den „König Lear“ in der Regie Luc Bondys geben und Barbara Frey den „Sturm“ inszenieren.

Der zweite „Kontinent“ neben Shakespeare soll heißen „Gegenwart“ – in Form von diversen Ur- und Erstaufführungen, darunter zwei Stücke von Peter Handke – „Die Unvernünftigen sterben aus“ und „Spuren der Verirrten“ als Erstaufführung –, beide in der Regie von Friederike Heller. Dimitré Dinevs „Das Haus des Richters“ wird Andrea Breth uraufführen, Nicolas Stemann Roland Schimmelpfennigs „Ende und Anfang“, und Dieter Giesing besorgt die deutschsprachige Erstaufführung von „Some Girl(s)“ von Neil LaBute. Ruedi Häusermann präsentiert die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Über Tiere“ und René Pollesch seine Feydau-Überschreibung, „Le Dindon“. Mit bürgerlichem Boulevard ist in seinem Falle kaum zu rechnen.

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