Kultur : Hör auf deinen Hass

Rückkehr einer Supergroup: Brett Anderson und Bernard Butler von Suede sind jetzt The Tears

Sebastian Handke

Brett Anderson ist zwar nicht sehr alt, aber er ist doch älter als vor elf Jahren. Diese Jahre heilten nicht alle Wunden, doch dazugelernt hat Anderson schon, vor allem eins: Hass, so tief er auch sein mag, ist kein Grund, eine Band aufzulösen. „Das reicht einfach nicht. Nicht wenn man so großartige Dinge zustande bringt wie wir. Songs zu schreiben, das ist etwas Heiliges, und man sollte ihm mehr Respekt entgegenbringen.“ Brett Anderson und Bernard Butler galten als eines der talentiertesten englischen Songwriter-Duos nach Lennon/McCartney. Und wie diese belegten sie die Vermutung, dass Kongenialität selten aus Symbiose erwächst, eher aus Abstoßung.

Suede war die Band, die am Vorabend des Britpop den Hype der englischen Musikpresse als Erste ausbaden musste. Noch nie hatte es jemand auf die Titelseite des Magazins „NME“ geschafft, ohne überhaupt eine Platte veröffentlicht zu haben. Es folgten Größenwahn, Drogen, zwei ausgezeichnete Alben und eine öffentlich zelebrierte Trennung, die zum Schmutzigsten gehört, was man auf diesem Gebiet bislang geboten bekam. Der eine zerstörte des anderen kostbare Gitarrensammlung, worauf dieser ihn im Fernsehen der Pädophilie bezichtigte. Da hatte sich was aufgestaut.

Zehn Jahre herrschte eisiges Schweigen. Dann wurden die beiden im Dezember 2003 überraschend beim gemeinschaftlichen Abendbierchen erwischt. „Ich hatte schon seit einigen Jahren darüber nachgedacht“, sagt Anderson, der Suede nach Butlers Abgang 1994 mit stetig sinkendem Erfolg weitergeführt und schließlich begraben hatte, „Und ich hatte das Gefühl, Bernard und ich müssten Unerledigtes noch zu Ende bringen.“

Die Wiedervereinigung als „The Tears“ vollzieht sich nicht aus Sentimentalität oder neu entflammter Liebe, sondern für die Kunst allein. Gemeinsame Interviews sind ausgeschlossen. „Wir fassen uns jetzt nicht mit Samthandschuhen an. Die Musik ist das Wichtigste, und wenn wir dabei grob werden müssen, dann werden wir halt grob.“ Anderson patrouilliert schlendernd über den Balkon des Kempinski Bristol in Berlin. Im Kampf gegen seine Müdigkeit hat er sich entschlossen, das Gespräch im Gehen zu führen. Er hat immer noch diese schlanke, dandyhafte Aura; die ausschweifenden Heroin-Exzesse sind in seinem Gesicht kaum eingeschrieben. „Der kreative Funken sprang schnell wieder über: Bernard gab mir ein ungeschliffenes Stück Musik, und ich wob eine Vokallinie drumherum. Die Worte ergaben sich ganz von selbst.“

Bernard Butler ist als Gitarrist genauso exzellent wie als Songwriter, produziert hat er „Here Come The Tears“ (V2/Rough Trade) ebenfalls. Als bekennender Anhänger der Phil-Spector- Schule schuf er einen durch stetes Addieren von Klangspuren gebauten „Wall of Sound“, der Raum lässt für zauberhafte Details, die man erst ab einer gewissen Lautstärke wahrzunehmen vermag. Kastagnetten zum Beispiel. Anderson hatte sie von einem Barcelona-Urlaub mitgebracht. „Dann saßen wir an ,Imperfection’, und das ,drrrrling, drrrling’ darin kam uns plötzlich so mediterran vor. Also bauten wir es ein.“

Karg, düster und wütend soll dagegen das nächste „The Tears“-Album werden. „Here Come…“ muss man sich trotz der gemeinsamen Vergangenheit als Debüt vorstellen. Eine zweischneidige Sache: Da sind einerseits kurze, aufdringliche Popsongs, mit eingängigen, aber vergänglichen Hooks. „Co-Star“, sagt Anderson, ist ein „thrower“, ein schnell hingeworfenes Stück über jemanden, der sich vor lauter Einsamkeit durchs Leben träumt wie durch einen Film. „Man kann nicht immer Macbeth schreiben. Manchmal muss Pop oberflächlich sein.“ Derart Hingeworfenes macht etwa die Hälfte der Platte aus. Die anderen Stücke sind raffiniert, theatralisch, seltsam oder düster, sehr bowiesk jedenfalls, und sie versprechen, dass man noch Großes erwarten darf von The Tears.

„Wir sind nicht die Rolling Stones, und ich bin kein Zirkusäffchen. Wir wollen uns entwickeln und dabei nicht nur unterhalten, sondern auch erziehen.“ Das ist nicht nur musikalisch gemeint. „Religion breeds like a disease, while people spit on refugees“, heißt es in der grimmigen Gitarrensymphonie „Brave New World“. Zum britischen Celebrity-Hype hat Anderson kein entspanntes Verhältnis. Er prophezeit eine Revolte. „Es wird eine Tragödie geben, ein riesiges, apokalyptisches Ereignis, und da wird ein gewaltiges Feuer sein, und all die Promis, die weder Talent noch etwas zu sagen haben, werden ins Feuer geworfen und einen fürchterlichen Tod sterben.“ Na bitte, so viel Hass, das kann nur Gutes bedeuten.

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