Hör BÜCHER : Als Denken wehtat

von

Den Gulag-Häftlingen in Kolyma, am äußersten Nordostende Sibiriens, diente der eigene Körper als Thermometer: Geräusche beim Ausatmen bedeuteten minus 45°C. Kam Kurzatmigkeit hinzu, waren es minus 50°C. Bei Temperaturen darunter gefror die Spucke in der Luft. Möchte man das eigentlich so genau wissen? Nein. Aber man muss es. Der Name Warlam Schalamow steht für unbedingte Exaktheit der Beschreibung. Seine Berichte wurden so zu singulären Zeugnissen vom Leben und Sterben in Stalins fernöstlichen Arbeitslagern.

Eine Auswahl dieser Erzählungen, gelesen von Hannes Zischler, liegt nun als Hörbuch vor: „Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma“ (Der Hörverlag, 2010). Zischler gelingt hier etwas Außergewöhnliches: Man meint den Ton des russischen Originals zu hören. Wie kommt das? Gerade eine Hörbuchlesung bringt die besonderen Qualitäten einer Übersetzung zur Geltung. Während eine schlechte Übersetzung Wort für Wort vorgeht und sich kaum Zeit nimmt, den ganzen Satz, geschweige denn einen ganzen Absatz, in den Blick zu nehmen, wodurch seltsame Mischwesen – russisch strukturierte Sätze mit deutschen Wörtern – entstehen, transformiert eine schlichte, hinlänglich passable Übersetzung einen russischen Satz einfach nur in einen korrekt gebauten deutschen Satz. Eine ausgezeichnete Übersetzung aber, so wie die von Gabriele Leupold, vermag es, durch Beibehaltung bestimmter Eigenheiten des russischen Satzbaus, auch im übersetzten Satz noch die Erinnerung an das russische Original wachzuhalten. Damit wird der angemessene Ton getroffen, um dieses beeindruckende Memorial auch deutschen Lesern und Hörern nahezubringen.

Die Dramen, um die es geht, handeln manchmal von zehn Gramm Brot, manchmal von Tod und Leben. Wurde der Tod eines Gefangenen nur ein klein wenig verspätet gemeldet, gab es vielleicht am nächsten Tag noch einmal dessen spärliche Brotration extra. Mitten im 20. Jahrhundert feiern Gogols „Tote Seelen“ an dieser Stelle eine gespenstische Auferstehung. Auch die marxistische Lehre vom Primat des Materiellen erlebt in diesem Dauerfrostgebiet der menschlichen Seele nördlich des Polarkreises einen makaberen Triumph: „Die Materialität unserer Psyche ging mir zum ersten Mal in aller Anschaulichkeit, aller Fühlbarkeit auf. Denken tat weh.“ Das gesamte Spektrum menschlicher Verhaltensweisen tut sich auf. Wenn ein Tischler zwei halberfrorenen Häftlingen Unterschlupf in der Lagerwerkstatt gewährt, obwohl er sofort sieht, dass die beiden, die ihm als Hilfskräfte zugeteilt worden sind, noch nie als Tischler gearbeitet haben, beginnt man zu hoffen. Hört man wenig später von einem Arzt, der all sein brachliegendes Talent und seinen ganzen Ehrgeiz darauf verwendet, sogenannte Simulanten aufzuspüren und sie mit modernen wissenschaftlichen Methoden zu überführen, verliert man jede Hoffnung. Die Erwartung des eigenen Todes konnte mitunter auf bizarre Weise Trost spenden: War man tot, betrog man diejenigen, die einen hierher gebracht hatten, wenigstens um zehn oder fünfzehn Jahre Gulag. Dieses Hörbuch sei all jenen ans kalte Herz gelegt, die ein paar revolutionäre Gehirnzellen zu viel im Kopf haben und immer noch – oder schon wieder – Stalin für einen großen Politiker mit ein paar kleinen Fehlern halten, eine Art Väterchen Frost, das manchmal eben, trotz aller welthistorischer Güte, auch ein klein wenig streng zu seinen unfolgsamen Landeskindern sein konnte.

Nach siebzehn Jahren wurde Warlam Schalamow 1953 aus der Lagerhaft entlassen. 1954 begann er, an seinen „Erzählungen aus Kolyma“ zu arbeiten. Sie blieben in der Sowjetunion verboten und kursierten lediglich im Untergrund. Als in den siebziger Jahren Schalamows Texte auch in den Westen gelangt waren, musste er eine öffentliche Erklärung über deren „mangelnde Relevanz“ abgeben. Das war ganz im Geiste jener erzwungen freiwilligen Selbstbezichtigungen, wie man sie aus den Stalin’schen Schauprozessen kannte. Stalins Geist scheint offenbar unsterblich zu sein. Warlam Schalamow starb am 17. Januar 1982 in einer sowjetischen Nervenheilanstalt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar