Hör BÜCHER : Das Rauschen der Geschichte

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Hörbücher, als Archiv der Stimmen, sind ein einzigartiges Medium der Erinnerung. Das gilt auch für „Als Kind wünschte ich mir goldene Locken – Gespräche mit Überlebenden der Shoah“ (Der Audioverlag, 2013). Über 30 Jahre arbeitete Magdalena Kemper als Moderatorin der rbb-Radio-Sendung „Das Gespräch“; mehr als 150 Menschen hat sie dabei interviewt. Eine Auswahl von elf Gesprächen ist nun auf den vier CDs dieser Edition zusammengestellt. Im Booklet findet man Kurzbiografien sowie Fotos ihrer Interviewpartner.

Gleich im ersten Gespräch mit der Fotografin Gisèle Freund (1908–2000) wird deutlich, worin Kempers besondere Gabe besteht. Wie wichtig ein persönlicher Einstieg ist, das lernt man vielleicht auf Journalistenschulen; es klingt nach der journalistischen Trickkiste. Bei Magdalena Kemper indes spürt man von Anfang an echtes Interesse. Das überträgt sich auch auf ihre Interviewpartner.

So wird das Gespräch mit Gisèle Freund en passant zu einem Exkurs über die Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert. Interessante Antworten setzen gute Fragen voraus. So kann etwas entstehen, was man, nach dem Gesprech der ewigen Fernseh-Talkshows, mit großem Erstaunen hört: ein Gespräch.

Da die meisten dieser Lebensgeschichten in Berlin beginnen oder eng mit Berlin verbunden sind, spiegelt sich in ihnen auch Stadtgeschichte: Ob es die ehemalige Hutfabrik in der Weddinger Prinzenallee 58 ist, hinter der sich ein großer Garten befand, an den sich Anni Wolff (1913–2009), die Tochter des Hutfabrikanten Gattel, noch nach Jahrzehnten so genau erinnern konnte, oder eine Laube in Treptow, wo die spätere Theaterfotografin Eva Kemlein (1909–2004) Unterschlupf fand. Vielen Berlinern ist auch das Kino Capitol Dahlem ein Begriff. Gerhard Klein (1920–1999) zeigte dort nach dem Krieg internationale Filme; gerade dieses Programm dürfte eines der wirkungsvollsten im Rahmen des Reeducation-Programms gewesen sein.

In einem 2002 aufgenommenen Gespräch bekennt die 1922 geborene Autorin Inge Deutschkron, bei jedem Geburtstag ein „Daffke-Gefühl“ zu haben. Damals war sie gerade 80 Jahre alt geworden. Vor wenigen Wochen hielt sie im Bundestag ihre viel beachtete Rede zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes. „Daffke“ bedeutet so viel wie „nun gerade“ oder „nun erst recht“. Dass dieser Berlinische Ausdruck einen Ursprung im Hebräischen hat, erfährt man auf CD 3, Track 1, spüren aber wird man es beim Hören all dieser Lebensgeschichten.

Um jüngere und jüngste Geschichte geht es in „Landschaften der Lüge – Gespräche mit Jürgen Fuchs“ (hrsg. von Doris Liebermann, Hörbuch Hamburg, 2013). Im Zentrum steht hier nicht der Schriftsteller, sondern der Psychologe und Menschenrechtler Jürgen Fuchs (1950–1999). Doch wie soll man das voneinander trennen? Als Psychologe analysierte er die Mechanismen der U-Haft-Verhöre, konnte sich auch in die Perspektive seiner Stasi-Vernehmer hineinversetzen. Dadurch war er, wie er sagt, nicht mehr nur Objekt, sondern auch Subjekt.

So begann er schon während der Haft trotz Schreibverbots seine „Vernehmungsprotokolle“. Er schrieb ohne Stift, manchmal mit Silberpapier, dessen Spuren er nachher sofort wieder wegwischen konnte, auf die Tischplatte in der Zelle und lernte den unsichtbaren Text dann auswendig. So kritisch Jürgen Fuchs dem irreal existierenden Sozialismus gegenüberstand, den einzelnen Menschen, auch denen, die in diesem System funktionierten, begegnete er respektvoll.

Das betont Roland Jahn in seiner sehr persönlichen Vorrede. Vor allem aber kümmerte er sich um die Opfer: Das konnte nach 1989 irgendwo in Thüringen eine Aktensicherung sein, um zu verhindern, dass die darin abgehefteten Schicksale endgültig geschreddert wurden. Ausdrücklich ist Hörbuch Hamburg dafür zu danken, dass es die Erinnerung an diesen ganz besonderen Menschen wachhält.

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