Hör BÜCHER : Das Schicksal mischt die Karten

von

Zeitlebens beschäftigte Arthur Schopenhauer die Frage, ob und wie Freiheit des Willens und Naturnotwendigkeit zusammenpassen. Er schrieb lange Abhandlungen darüber, so die „Transcendente Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des einzelnen“. Er konnte sich aber auch kurz fassen: „Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen.“ Wie unterschiedlich das 20. Jahrhundert seine Karten mischen konnte, bezeugen zwei biografische Hörbücher.

Saul Friedländer wurde 1932 als Sohn deutschsprachiger Juden in Prag geboren, 1939 emigrierte die Familie nach Frankreich. 1942 werden die Eltern deportiert. Vorher war es ihnen noch gelungen, ihren Sohn in die Obhut eines katholischen Klosterinternats zu geben. Er überlebt als getaufter Katholik unter dem Namen Paul-Henri Ferland. Nach dem Krieg studiert er in Tel Aviv, später auch in Paris. Seit seinem Hauptwerk „Das dritte Reich und die Juden“ gilt er als einer der wichtigsten Holocaust-Forscher. Heute lebt er in Los Angeles.

David Dambitsch zeichnet in „Innen und Außen“ (Membran) ein akustisches Porträt Friedländers. Zitate aus dessen Autobiografie „Wenn die Erinnerung kommt …“ sind zu hören, ebenso Stimmen von Zeitzeugen. Im Zentrum des Gespräches mit Friedländer steht die Frage, was geschieht, wenn das eigene Leben und der Forschungsgegenstand nicht voneinander zu trennen sind. Schon lange beschäftigte sich Friedländer mit dem Verhältnis von Geschichte und Psychoanalyse. Deshalb ist es erstaunlich zu erfahren, dass „Histoire et psychoanalyse“ (1975) bis heute nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.

Die Stimme Friedländers ist das eigentliche Ereignis dieses Hörbuches: Die Stationen seines Exils und Lebensweges finden in mancher, leicht ins Französische oder amerikanische Englisch changierenden Wortbetonung ihren Wiederklang. Unverständlich bleibt da, wieso dieses Hörbuch fast vollständig mit Musik unterlegt ist. Im Gespräch mit der Prager Autorin und Zeitzeugin Lenka Reinerová, das in einem Kaffeehaus stattfindet, mag das im Hintergrund klimpernde Klavier atmosphärisch noch angehen, obwohl das scheppernd eingeräumte Geschirr hier genug Ablenkung bringt. Aber auch sonst kann dieses Klavier einfach nie aufhören. Bedauerlich, weil Chopin sowieso im Verdacht steht, ausschließlich ein Berieselungsmusiker zu sein.

Detlef Michelers verzichtet in „Richard von Weizsäcker. Ein Hörporträt“ (Audiobuch) auf jegliche Stimmungsmusik, er verlässt sich ganz auf die Stimmen; selbst in Track 3, wo es um Weizsäckers Vorliebe für die Oper geht, erklingen erst ganz am Ende ein paar Töne. Kurz, knapp, fast lakonisch werden von Weizsäckers Lebensstationen erzählt: Geburt 1920 in Stuttgart, Gymnasium in Berlin, von Anfang bis Ende Teilnahme am Zweiten Weltkrieg (sein preußisches Infanterieregiment Nr. 9 gehörte zu den Truppen, die im September 1939 in Polen einfielen), bis hin zu jener berühmten Rede von 1985, in der er den 8. Mai 1945 einen Tag der Befreiung nannte. Dieses Hörbuch beleuchtet überzeugend den biografischen Hintergrund, aus dem von Weizsäckers freies Denken und seine Kunst der öffentlichen Rede erwuchsen, kurz: all das, was ihm schließlich den Ehrennamen „Häuptling Silberlocke“ eintrug.

„Im Gespräch mit Arthur Schopenhauer“ (Komplett-Media): Andreas Belwe ist zu Gast beim Chefpessimisten der klassischen deutschen Philosophie! Das Verfahren ist nicht neu: Wie in einen Münzautomaten werden Fragen eingeworfen, nach kurzer Besinnung spuckt die Maschine A. S. zitierfähige Antworten aus den gesammelten Werken aus. Die Gefahr, dass Gedankengänge dadurch auf Bonmots reduziert werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Da aber Schopenhauer ein begnadeter Sprachmeister war, ist diese Nachhilfestunde beim 222-jährigen schwerhörigen Kauz heute noch erhellend: ob es um das Thema „Bildung“ geht oder um strenge Diätvorschriften.

0 Kommentare

Neuester Kommentar