Hör BÜCHER : Die Bank steckt voller Ganoven

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Neulich wurde an dieser Stelle Arno Geigers Hörbuch „Der alte König in seinem Exil“ empfohlen. Dass Probleme einer alternden Gesellschaft auch in einem Hörspiel für Kinder ab 4 Jahren gut aufgehoben sein können, beweist der schwedische Autor Ulf Nilsson: „Als Oma seltsam wurde“ (DAV, 2011).

Eines Tages ist nichts mehr so, wie es war. Oma vertreibt das Bäckerauto, das ihr das Brot bringt. Dann erkennt sie Ulf, ihren sechsjährigen Enkel, nicht mehr. Und schließlich will sie auch noch zur Bank, um dort ihr Geld abzuholen. „Die kümmern sich nicht gut um mein Geld“, meint sie, „die Bank steckt voller Ganoven.“ Ganz egal, ob man diesen Verdacht Omas seltsam oder nicht doch eher ziemlich zutreffend findet – irgendwas scheint mit Oma nicht zu stimmen. Ulf steckt die Pfeile ein und schultert seinen Flitzbogen, einen ausgedienten Kleiderbügel mit Gummiband, um Oma auf ihrem Weg in die Stadt zu begleiten. Nur zur Sicherheit. Ein einfühlsames Hörspiel in der Regie von Annette Kurth, das ein ernstes Thema mit viel Humor erzählt (Erzähler: Max von Pufendorf) und zum Ende hin richtig spannend wird. Sehr zu empfehlen! Kinder könnten sich das gemeinsam mit ihren Eltern oder, zur Vorbereitung, gegebenenfalls auch schon mal mit ihren Großeltern anhören.

Ebenso für die ganze Familie geeignet: Marko Simsas „Klezmer für Kinder“ (JUMBO, 2011). Dieses interaktive Hörbuch, das zum Mitsingen und Mittanzen einlädt, ist um Längen (genauer gesagt: um die Länge von 59:20 Min.) besser als die meisten anderen Musikeinführungen für Kinder. Woran liegt das?

Hier wird nicht ein halber Tierpark bemüht, um die einzelnen Instrumente mit Hilfe entsprechender sprechender Tiere zu charakterisieren, nein, Akkordeon und Klarinette spielen einfach auf – und die mitreißende Musik von Maciej Golebiowski und Alexander Shevchenko erklärt sich fast von selbst. Natürlich gibt es darüber hinaus noch jede Menge anderer Erklärungen, etwa was die osteuropäischen Ursprünge der Klezmer-Musik oder das Verhältnis von Hebräisch und Jiddisch betrifft – eine gelungene Mischung aus Bildung und Unterhaltung.

Roland Knauer und Kerstin Viering zeigen in „Bionik für Kinder“ (Patmos, 2010), was moderne Wissenschaft und Technik von der Natur alles lernen können. Längst steht ja das Etikett Bio nicht mehr für sauertöpfische Genußverweigerung und muffige Pilger in Birkenstocksandalen. So wird uns hier eine sehr lebendige Lektion über die Geheimnisse der Natur erteilt: Es geht um Knochen als perfekte Leichtbauteile, um das Prinzip des Lotuseffekts und um natürliche Klebetechniken.

Auch wer Angst vor Spinnen hat, kommt auf seine Kosten. Man erfährt, dass Spinnen in 300 Millionen Jahren ihre Spinn- und Webtechnik extrem perfektioniert haben: Ein Spinnfaden ist strapazierfähiger als ein ähnlich dicker Stahldraht, zugleich aber viel elastischer als Gummi. Bisher ist es noch niemandem gelungen, ein derart vollkommenes Material auf künstliche Weise herzustellen.

Matthias Koeberlin ist der Sprecher. Auf Musik und andere Nebengeräusche hat man völlig verzichtet. Dieses Hörbuch wurde also, wie es in der Radiosprache heißt, „trocken“ produziert. Das funktioniert zum einen, weil es keine trockene Materie ist, um die es hier geht.

Die Konzentration allein auf die Stimme hat zudem einen weiteren, äußerst nachhaltigen Effekt: Zwar könnte man sich das alles auch effektvoll im Fernsehen vorstellen, beim Zuhören jedoch werden nicht nur unsere Sinne, hier werden Sinn und Verstand gleichermaßen angesprochen, das Gehörte prägt sich tiefer ein. Joachim Ernst Berendt hat in seinem Buch „Ich höre, also bin ich“ darauf hingewiesen, dass unser Gehör von der Natur besonders geschützt wurde und im sogenannten Felsenbein untergebracht ist, dem mit Abstand härtesten Knochen des menschlichen Körpers.

Keine Frage, sicher wird sich die Natur auch dabei etwas gedacht haben, als sie das Hörzentrum ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft des Sprachzentrums (der Kommandobrücke unseres Denkens!) bei uns im Oberstübchen einquartiert hat.

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