Hör BÜCHER : Freudsche Verbrecher

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Wenn Sie als Kriminalbeamter an der Untersuchung einer Mordtat beteiligt sind, erwarten Sie dann wirklich, dass der Mörder seine Fotografie samt beigefügter Adresse an dem Tatorte hinterlassen hat?“, fragt Sigmund Freud in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Nein, natürlich nicht!

Stattdessen wird man versuchen, selbst aus den schwächsten Spuren, die der Täter hinterlassen hat, ihm auf die Spur zu kommen. Nicht anders, so der bekennende Conan-Doyle-Leser Freud, arbeitet die Psychoanalyse. Kleinste Anhaltspunkte, manchmal auch bloß ein Versprecher, genügen ihr, um Geheimnisse der menschlichen Seele freizulegen. Was liegt da näher, als die Psychoanalyse als eine Art Kriminalistik aufzufassen und in Freud einen Kollegen von Sherlock Holmes zu sehen. Diese Idee wird in der neuen Serie „Prof. Sigmund Freud“ umgesetzt: „Das zweite Gesicht“ und „Familienersatz“ von Heiko Martens liegen bereits vor (STIL, 2011); zwei weitere Folgen erscheinen im März.

Vom Ansatz her hätte ich mir das, wenn auch nicht unbedingt akademischer, so doch etwas trockener, „englischer“, vorgestellt. Wie gut, dass ich mich hier geirrt habe und die Welt in diesem Fall nicht meinen Vorstellungen gefolgt ist. Der Theaterdonner, mit dem „Das zweite Gesicht“ einsetzt, erklärt sich ganz simpel daraus, dass der Mord im Theater geschehen ist: Die Burgschauspielerin Marianne Presslauer ist getötet worden. Die Tatumstände aber sind so, dass der ermittelnde Polizeibeamte Gruber (Andreas Fröhlich) Freuds Sprechstunde aufsuchen muss. Die Freudsche Couch, auf die er sich legen soll, stellt in diesem Falle eine echte Falle für den müden Kommissar dar, schon zwei Nächte hat Gruber nicht schlafen können, weil das Bild der Ermordeten ihm nicht aus dem Kopf geht: an den Füßen aufgehängt, völlig ausgeblutet. Ein Fall von Vampirismus in Wien?

Nun nimmt Freud die Ermittlungen auf. Komplettiert wird das Team noch durch Anna, Freuds Tochter (Felicitas Woll). Schon allein, wie elegant Anna eingeführt wird, zeigt die feine Handwerksarbeit dieses Stücks. Ihren ersten Auftritt hat sie beim gemeinsamen Essen, sie fragt Frau Freud: „Möchtest du noch Suppe, Mutter?“ Ohne dass sie uns extra vorgestellt wird, ist also sofort klar, das muss Freuds Tochter sein. Hans Peter Hallwachs ist als Prof. Freud so präsent, dass man sein markantes, aus Film und Fernsehen bekanntes Schauspielergesicht bald vergisst. Geraten mitunter seine Exkurse zu kompliziert oder zu lang, muss Ermittler Gruber nur mal kurz hüsteln oder schnaufen, schon ist der Bodenkontakt wieder hergestellt.

Bekanntlich, ein Relikt aus der oralen Phase, rauchte Freud Zigarren. Das Rauchen wird hier aber so dezent – ohne demonstrativ lautes Schmatzen, Sabbern und Husten – in Szene gesetzt, dass man es unbedingt hervorheben muss. Im Grunde nimmt man es nur an Hallwachs’ Sprachduktus wahr: perfekt!

Für die feinzeichnende Regie, für Ton und Musikkomposition sind Simon Bertling und Christian Hagitte verantwortlich. Es sind Originalkompositionen. Die Ton für Ton stimmige Musik wird damit Teil der Dramaturgie. Und dass die Musik extra vom Berliner Filmorchester eingespielt worden ist, verleiht dem Ganzen noch den gehörigen Glamour.

Selbst wenn man nach dem Krimi-Gesetz, wonach der Unauffälligste aus dem Kreis der Verdächtigen der Täter sein muss, bald ahnt, wer es gewesen ist – Freud selbst weiß es damit noch lange nicht, daher folgen wir dem Wiener Meister gerne bis zur Auflösung.

Das Beste kommt zum Schluss: In leibhaftiger Gestalt erscheint in einem Bonustrack Frau Dr. Salwa Meier, eine Psychoanalytikerin. Sie rollt die beiden Fälle noch einmal aus ihrer Sicht auf. Hätte man all das in Freuds Monologe gemogelt, sie wären Schulfunk geworden. So aber ist das eine sinnvolle Ergänzung, runden sich diese beiden Scheiben zu einer Unterhaltung auf höchstem Niveau. Ein Blick ins Sachwortverzeichnis von Freuds Gesammelten Werken lässt uns hoffen: von A wie Aggression bis Z wie Zyklisches Irresein – hier liegt noch reichlich Stoff für weitere spannende Folgen.

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