Hör BÜCHER : Führungsanspruch im Wohnzimmer

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Zu einer erstaunlichen Zeitreise in die Geschichte der Bundesrepublik lädt Dorothee Meyer-Kahrweg ein: Sie hat zahlreiche Reden und Interviews Willy Brandts ausgewählt, die rechtzeitig zu Brandts 100. Geburtstag am 18. Dezember unter dem Titel: „Mehr Demokratie wagen“ erscheinen. (Der Hörverlag, 2013) Der Bogen spannt sich von einer Rede 1953 im Bundestag, wo der junge SPD-Abgeordnete Brandt noch sehr deutlich norddeutsch das S und das T trennt, bis zu einem Interview im November 1989, kurz nach dem Fall derMauer.

Sehr aufschlussreich sind die Interviews mit Brandt. Er erweist sich als äußerst verbindlicher Gesprächspartner. Nicht nur, dass er auf sein jeweiliges Gegenüber einzugehen vermag und nicht a priori in Abwehrstellung geht. Auf irgendeiner semantischen Ebene bedeutet verbindlich auch: das Gegenteil von unverbindlich. Einmal, im Gespräch mit Günter Gaus, lässt er sich sehr lange Zeit mit einer Antwort. Diese Pause ist aber nicht nichts. Sie zeigt: Da denkt jemand nach, bevor er spricht. Auffällig oft revidiert er eigene Auffassungen, räumt ein, er sehe inzwischen vieles anders als früher. Man wird nostalgisch, hört man derart reflektierte Äußerungen eines Politikers.

Offensichtlichen Zumutungen konnte er sich aber ebenso erwehren. Als ihn 1972 ein Journalist bittet, sich zu einem komplexen Sachverhalt französisch-deutscher Verhandlungen extrem kurz zu fassen, antwortet er auf dessen weit ausholende vier Fragen einsilbig der Reihe nach mit „Ja“, „Doch“, „Nein“ und „Ja“.

Persönliche Erinnerungen an Brandt gibt es von Egon Bahr in „Das musst du erzählen“ (Hörbuch Hamburg, 2013). Dass es sich dabei nicht bloß um nette Anekdoten handelt, zeigt sich in Robert Leichts Replik in der „Zeit“ vom 1.8., besonders zur Rolle Herbert Wehners in der Deutschlandpolitik. Nicht das Schlechteste übrigens, was man von Politiker-Erinnerungen sagen kann: dass sich darüber streiten lässt. Auch Michail Gorbatschows sehr persönliche, seiner 1999 verstorbenen Frau Raissa gewidmete Memoiren „Alles zu seiner Zeit“ (Hoffmann und Campe, 2013) sollte man unbedingt in aller Ruhe anhören.

Per Express-Sendung noch rechtzeitig zur Bundestagswahl zugestellt: „Küss mich, Kanzler! Haushaltsdebatten bei Merkels“ (Der Hörverlag, 2013). Ob diese aufsehenerregenden Tondokumente für nötige Klarheit sorgen? Interna aus dem engsten, verschwiegenen Zirkel der Macht sind ja stets von Interesse.

Wenn allerdings Prof. Sauer (alias Stefan Lehnberg) die Äußerung von Angela Merkel (alias Antonia von Romatowski), die Deutschen hätten in Europa einen „Führungsanspruch“, dahingehend interpretiert, dass er nun für deutsche Touristengruppen Führungen durch Merkels Wohnzimmer organisiert, scheint da einiges in der Chefin-Etage schiefzulaufen.

In 47 Mal slapstikhaften, mal erheblich kalauernden Szenen, die bundesweit schon von diversen Frühstücksradiosendern ausgestrahlt worden sind, erfahren wir etwa, was es mit jenem mysteriösen „Herrn Pofalla“ auf sich hat oder was passiert, wenn unsere eiserne Kanzlerin Putins Lieblingsvase runterschmeißt.

Ob Stefan Lehnberg, der die Texte geschrieben hat, immer genau den richtigen Sauer-Ton trifft, wage ich nicht zu entscheiden. Antonia von Romatowski hat es selbstredend schwerer: Manchmal, so schien mir, hörte sich ihre Rolleninterpretation so an, als käme Angela Merkel aus Sachsen-Anhalt. Ein Hörbuch, das ich ausnahmsweise fürs Auto, also zum Nebenbeihören, empfehle. Am Stück lässt sich das kaum konsumieren. Aus TV und Radio wissen wir ja: Politikerstatements – bitte nicht länger als drei Minuten!

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