Hör BÜCHER : Gefühle im Würgegriff

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Wenn ein Politiker Hörbücher für Kinder einliest, fragt man sich zunächst: Wieso? Hat der nichts anderes zu tun? Sollten das nicht besser professionelle Schauspieler erledigen? Wolfgang Thierse hat in den letzten Jahren „Ein Weihnachtsmärchen“ von Charles Dickens, „Peter und der Wolf“, „Der Karneval der Tiere“ und „Die Moldau“ (alle bei Das Hörwerk erschienen) fürs Hörbuch gelesen: Der Erlös dieser verdienstvollen Unternehmung – an der Thierse selbst übrigens keinen einzigen Cent verdient – kommt dem Kinderhospiz Sonnenhof der Björn Schulz Stiftung zugute.

Schön und gut, könnte man sagen, aber im Unterschied zur Ethik, wo man den guten Willen gern für die gute Tat nimmt, verhält es sich in den schönen Künsten eben ganz anders: Hier ist gut gemeint oft das Gegenteil von Kunst. Thierses Hörbücher sind jedoch nicht nur gut gemeint, sie sind auch verdammt gut gemacht!

Wolfgang Thierse, obwohl er sicher auch das spielend könnte, gibt nicht den rauschebärtigen Märchenonkel. Seine markante Stimme setzt er unverstellt ein; es kommt ihm vor allem auf Deutlichkeit an. Dass er sich dieser selbst auferlegt Benefizverpflichtung nicht mit links entledigt, merkt man zum Beispiel daran, mit welcher Akkuratesse er die Endungen mitspricht, oder wie der 1943 in Breslau geborene SPD-Politiker dem oft sträflich vernachlässigten „r“ zu seinem Recht verhilft. Da könnten sogar Schauspieler noch was lernen – von Politikern ganz zu schweigen. Der Kauf dieser CDs bietet die schöne Gelegenheit, etwas Gutes zu tun und dafür tatsächlich auch etwas richtig Gutes zu bekommen.

Wieso soll sich eigentlich ein im Dienst ergrauter Hörbuchkolumnist ernsthaft dafür interessieren, ob die beiden zehnjährigen Mädchen Sophie und Alice am Ende doch noch Freundinnen werden? Ganz einfach, wenn diese Geschichte so spannend erzählt ist wie in Marjaleena Lembckes: „Die Füchse von Andorra“ (Der Audioverlag, 2011) – und sie dann noch in der Bearbeitung von Judith Ruyters unter Annette Kurths Regie zu so einem packenden Hörspiel wird.

Gebannt verfolgt man, wie langsam eine Krankheit Platz greift. Erst ist die Mutter von Vierlingen einfach immer nur müde, zerstreut. Dann geht sie ins Bett, ohne sich die Zähne geputzt zu haben. Die Erwachsenen können machen, was sie wollen, finden die Kinder. Aber was kann diese heillos überforderte Mutter schon machen, wenn sie überhaupt nichts mehr machen will? Sie leidet an Depressionen, bedarf professioneller Hilfe und muss in eine Klinik. Als Sophie sie dort besucht, merkt sie, dass sie mit ihrem Problem nicht so allein ist, wie sie bisher immer glaubte.

Wenn ich zaubern könnte, würde ich versuchen, Sebastian Schlössers wunderbaren Briefroman: „Lieber Matz, Dein Papa hat ’ne Meise“ (Hörbuch Hamburg, 2011) in jene parallele Hörbuchwelt zu schmuggeln, in der die beiden Mädchen Sophie und Alice zu Hause sind; das würde ihnen vielleicht helfen. Auch der Papa von Matz ist nämlich in einer Klinik. Weil er Urlaub von sich selbst brauchte, hat er eines Tages sein Handy in die Alster geworfen. Und nun sitzt er da und versucht seinem Sohn zu erklären, wie es so weit kommen konnte: „Die Erwachsenen, sagen sie, haben ihre Gefühle im Griff. Das stimmt. Im Würgegriff.“

Derartige Briefmonologe sind immer ein wenig heikel: Der stumme Briefadressat könnte zum Medium instrumentalisiert werden, während die eigentlichen Adressaten wir Hörer wären. Hier jedoch findet eine erstaunliche Umkehrung statt: Die Welt der Erwachsenen kommt uns in diesem Hörbuch ziemlich kindisch vor. Was soll denn ein normal bekloppter Pfleger auch davon halten, wenn Patient Schlösser angesichts des Kantinenfraßes tatsächlich vorschlägt, man solle Kochgruppen der Patienten gründen, die aber nicht ausschließlich mit Depressiven besetzt sind?

Sohn Matz hingegen stellt man sich als einen sehr ernsten, aufmerksam lesenden Jungen vor. Wahrscheinlich hatte der alte Leibniz doch recht: Der Mensch kommt als vollkommenes Wesen zur Welt, dann setzt das zivilisatorische Verblödungswerk ein, bis peu à peu Haare und Hoffnungen schwinden.

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