Hör BÜCHER : Geheimnisse des Gelingens

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Minutengeschichten? Aber ja, genau das ist es doch, was ich mir fürs Hörbuch manchmal wünsche: kompakte Sprach-Brühwürfel, reinsten Wortextrakt also, den ich mir kraft meiner Wassersuppe selbst auflösen kann. Bob Strahl (Wohl und Wehe – Minutengeschichten, Eulenspiegel 2012) versammelt 34 solcher Miniaturen, Gedichte und Kürzesterzählungen: Die längste davon dauert gerade mal sechseinhalb Minuten. Alltagsbeobachtungen sind das, mal spöttisch, mal melancholisch, stets aber aus einem klugen, spitzen Blickwinkel. Staunend lassen diese Geschichten uns zurück, besonders dann, wenn sie an der nächsten Ecke unversehens in die halbdunkle Seitenstraße des Surrealen abbiegen. Es liest Janine Strahl-Oesterreich, und ihr gelingt eine lebendige Vergegenwärtigung der Texte ihres Mannes, des 1959 geborenen Autors Bob Strahl, der 1997 nach schwerer Krankheit viel zu früh gestorben ist.

Wenzel ist schon immer ein Grenzfall gewesen: zwischen Wort und Musik, zwischen leisen und lauten Tönen. Auf seiner neuen Silberscheibe (Wenzel & Band: Woody 100, Matrosenblau 2012), widmet er sich hingebungsvoll – ein anderes Wort fällt mir dafür nicht ein – der US-amerikanischen Singer- und Songwriter-Legende Woody Guthrie (1912-1967). Mit fantastischer Spiellaune bestreiten Wenzel & Co. auf offener Bühne ihren Dialog mit Guthrie, dessen Texte Hans-Eckardt Wenzel ins Deutsche gebracht hat.

Auch eigene Lieder steuert Wenzel bei, doch – größtes Kompliment – das fällt hier gar nicht weiter auf. Knisternd spannend wird es, wenn er davon berichtet, wie er in einem Archiv ein Gedicht Guthries gefunden hat: „Ninety Miles Wind“, datiert auf den 12. September. Doch in welchem Jahr? Wenzel hat dieses Gedicht wunderbar vertont und bei einem Konzert in New York gesungen, das wurde im Radio übertragen. Daraufhin meldete sich ein Hörer, der sich genau daran erinnerte, wie er einmal auf Coney Island, wo Guthrie einige Jahre lebte, einen sturmzerzausten Mann am Strand gesehen hatte mit einem Zettel in der Hand, der einen Text aufschrieb: ebenjenes Gedicht aus dem Archiv. Und das war, so der Hörer, am 12. September 1944.

Ausschließlich um Musik – und zwar um klassische – geht es bei Deutschlands wohl immer noch berühmtestem Musikkritiker Joachim Kaiser (Sprechen wir über Musik, Der Hörverlag 2012). Das Frage-Antwort-Schema dieses Hörbuchs erlaubt es Kaiser, seine Erfahrungen, die er jahrzehntelang als Vortragender, Kritiker und, vor allem, als leidenschaftlicher Musikliebhaber und -vermittler, gesammelt hat, adäquat an den Hörer zu bringen: Immer bleibt das auf Augen- und Ohrenhöhe mit dem Publikum.

So bekommt man in dieser Sprechstunde bei Dr. Kaiser, die etwas länger als zwei Stunden dauert, auch Antworten auf scheinbar ganz simple Fragen: ob falsch zu spielen eine Sünde sei, wie es eigentlich um die literarische Qualität der Texte bei Wagner bestellt sei („Au weia: Wagalaweia…“, so ist diese treffliche Einlassung bei Kaiser betitelt) oder ob es sich beim „Rosenkavalier“ tatsächlich, wie schon oft behauptet wurde, um leichte Kost handele?

Aus seiner langjährigen Erfahrung als Musikkritiker weiß Kaiser auch, wie herrlich einfach es ist, einen Verriss zu schreiben, dass es hingegen ein geradezu künstlerisches Talent braucht, um einen positiven Text zu verfassen, in dem das Besondere als etwas Besonderes herausgestellt wird, ohne dabei in den omnipräsenten Werbeton („fabelhaft“, „glänzend“, „erstklassig“) zu verfallen.

Überhaupt sagt Kaiser en passant Sätze, über die man lange nachdenken kann: „Alles Misslingen hat seine Gründe, aber alles Gelingen sein Geheimnis.“ Das zeugt von seinem Respekt gegenüber den klassischen Werken. Und dieser verbietet es ihm auch, illustrativ, was bei dieser Art von Hörbuch denkbar gewesen wäre, in einer Art Potpourri mit diversen Klangbeispielen aufzuwarten. Nicht zuletzt diese Zurückhaltung verdient einen Extra-Applaus! Allerdings, nach CD 2, Track 11 wissen wir: Applaus bitte erst nach einigen Sekunden ehrfurchtsvoller Stille!



Jens Sparschuh

schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Hörbücher.

Nächste Woche:

Gregor Dotzauer

über Zeitschriften

und Websites.

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