Hör BÜCHER : Gottes Faust

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So, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß, jahreszeitlich bedingt legt sich wie in Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbsttag“ ein Schatten auf die Sonnenuhren. An langen, dunklen Herbstabenden kann es nun wieder auf virtuelle Hörbuch-Reisen gehen.

Bevor ich diesbezüglich eine dringende Reiseempfehlung ausspreche, kurz eine Beobachtung, die ich in den letzten Monaten gemacht habe, als ich kreuz und quer in Deutschland unterwegs war: Das Spektrum bei den öffentlich-rechtlichen Kulturradio-Sendern, die ja als Schnittstellen auch Hörbücher einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen, ist erstaunlich breit.

Es reicht von munteren Programmen, die mit diversen Wort- und Klangfarben derart überraschend aufwarten, dass man stets neugierig und auf Empfang bleibt, weil Entdeckungen zu machen sind, Radiostationen, die sich, nota bene, auch nicht zu fein dafür sind, aktuelle Staumeldungen durchzugeben (was mitunter sehr praktisch ist), bis hin zu ... tja, wie sagt man das diplomatisch? ... müde und selbstgenügsam vor sich hinschwappenden Kultur-Wellen, die alles daransetzen, noch den letzten Gebührenzahler abzuschütteln. Es sind Sender, deren Empfänger man sich gewissermaßen nur ganztags im Bademantel vorzustellen vermag.

Seit ich mal davon gehört habe, dass putschende Generäle als erstes die Funkhäuser besetzen, um dort pausenlos klassische Musik abdudeln zu lassen und hinaus ins gelähmte, zunehmend sprachlose Land zu senden, bin ich da hellhörig geworden; so etwas kann Teil einer besonders heimtückischen psychologischen Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung sein. Beginnt der Tag früh um sieben mit Haydn oder Schubert, ist er eigentlich schon gelaufen, eine empfängliche Seele bleibt da lieber gleich im Bett.

Um wirklich wichtige Hörbücher nicht zu verpassen oder eben zu verschlafen, sollte man sich also keinesfalls darauf verlassen, dass sie eines Tages vielleicht doch mal portionsweise als Radio-Lesung zu hören sind, sondern einfach in den Laden gehen und sie kaufen, etwa Matthias Polityckis „Samarkand Samarkand“ (Hoffmann und Campe, 2013).

Samarkand? War Politycki, dieser Welteroberer, nicht eben noch auf Kuba? In London? Oder sogar in 180 Tagen auf einem irren Kreuzfahrtschiff rund um die Welt? Nun gibt es einen neuen Roman von ihm, solitär herausragend in diesem Herbst – so wie die zentralasiatische Gebirgswelt, in die hinauf Politycki seinen Helden, Kaufner, einen Ex-Gebirgsjäger, schickt, um dort Tamerlans Gebeine zu finden. Wir befinden uns im Jahr 2027, Hamburg ist in Sektoren unterteilt, der Muezzin ruft vom Turm der St.-Johannis-Kirche zum Gebet. Nicht mehr lange, und an einem Faschingsdienstag wird der Kalif in Köln als Strafe für den Karneval ein Exempel an den Ungläubigen statuieren und sie köpfen lassen, ihren Dom hat er vorher schon gesprengt.

Tamerlan, jener sagenhafte mittelasiatische Heerführer (1336 – 1405), ist das Idol dieser rechtgläubigen Partei „Faust Gottes“. Wenn Kaufner dessen verschollene Gebeine findet, die den Fundamentalisten als Maskottchen oder Medizinbeutel gelten, könnte er damit die Siegesgewissheit der „Faust Gottes“ schwächen und den letzten Resten der westlichen Welt etwas Luft verschaffen.

Unvergessliche Gestalten gibt Politycki seinem Helden an die Seite. Odin etwa, den jugendlichen Bergführer, den der 58-jährige Kaufner allmählich zu hassen beginnt, weil der immer so leichtfüßig in seinen Schlappen über die Geröllfelder gleitet. Oder die halbwüchsige Shoci, die die Zukunft träumen kann, und die eines Tages von zu Hause flieht, weil sie das Geburtstagsgeschenk ihres Vaters – goldene Schneidezähne! – doch nicht haben will. Abenteuer- oder Liebesgeschichte? Als ob man das je unterscheiden könnte. So selbstverständlich Politycki seine haarsträubend schöne Geschichte entrollt, so souverän liest er sie auch im Hörbuch. Also: Der Berg ruft!

Wer sich auf diese Reise einlässt, den erwartet garantiert kein Pauschalurlaub oder eine Studiosus-Tour, sondern eine hochspannende Expedition, von der man mit reicher Beute in unser Jammertal zurückkehrt.

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