Hör BÜCHER : Im Zweifel für das Goldkorn

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Liebe Sonntags-Hörbuchgemeinde, tja, wie das nun erklären? Soll ich bekennen, dass ein unverhoffter Lottogewinn es mir fortan ermöglicht, die Kalamitäten des täglichen Geldverdienens vom Logenplatz einer abgesicherten Kontohöhe aus zu betrachten? Das wäre in mehrfacher Hinsicht ungeschickt. 1. spiele ich gar nicht Lotto, man vertippt sich da zu oft; 2. könnte der falsche Eindruck entstehen, ich hätte meine Arbeit hier nur wegen des Geldes gemacht. Im Gegenteil! Man kann sein Geld leichter verdienen: Dazu muss ich nicht tage-, nächtelang unter Kopfhörern hocken, Hörbuchstapel durchhören, im Internet auf Jagd gehen. Nein, da war Liebe im Spiel. Ich hoffe, Sie haben das gespürt! Eine kurze Affäre war das jedenfalls nicht, anders kann ich mir diese langjährige Treue nicht erklären.

Wenn diese Kolumne nun nach zehn Jahren zu Ende geht, ist das auch die Gelegenheit, mich bei allen Verlagen zu bedanken. Ich entschuldige mich bei denen, deren Hörbücher ich selten oder auch gar nicht besprochen habe. Wenn mir etwas ein klein wenig missfiel, so habe ich vorsichtig darauf hingewiesen, wenn mir etwas gar nicht gefiel, habe ich überhaupt den Mund gehalten. Wurden aktuelle Papier-Bestseller einfach nur einfallslos in die Wiederaufbereitungsanlage Hörbuch geschoben, habe ich diskret darüber hinweggehört. Womöglich kann man ja kurzfristig damit Kohle machen – in meinen Ohren entschuldigt das aber nichts.

Ob ich jemals von einem Hörbuchverlag bestochen worden bin? Leider nein. Es gibt jedoch Verlage, die so ein bestechendes Programm machen, dass sie öfter als andere hier präsent waren. Gefälligkeitsgutachten wurden von mir nie geliefert: Ich habe nur über das geschrieben, was mir gefällt. Das durfte ich. Ich bin ja kein Kritiker; allenfalls war ich hier ein Sonntagskritiker, der sonst einem seriösen Beruf nachgeht. Dennoch habe ich einiges über dieses kritische Gewerbe dazugelernt. Etwa, wie leicht man einen schneidigen Verriss produzieren kann. Ist man entsprechend fixiert, findet man nicht nur ein Haar, sondern gleich eine Perücke in der Suppe – keine Kunst. Wie schwer hingegen, das eine winzige Goldkorn aufzuspüren! Im Zweifel habe ich mich immer für das Goldkorn entschieden.

Was mir an Hörbüchern gefällt: Während der Kopf gut beschäftigt ist, haben die Hände frei. So greifen sie demnächst sicher zu Arno Schmidt in Bargfeld (Hoffmann und Campe, 2013): „Das neechste, was ich mach', iss'n Antrack beim Landrat: opp ich ma nich'n Mien'feld legn dürfte.“ Schon jetzt freue ich mich auf diese 275 Minuten mit dem Lüneburger Heiden, Knattergeist und Hochdruckprosaisten. Meine Kopfhörer hänge ich ja fortan nicht an den Nagel.

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