Hör BÜCHER : Kälteschock im Death Valley

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Wenn es derart heiß ist, dass die Eidechsen sich auf den Rücken legen müssen, um ihre glühenden Pfoten zu kühlen, befinden wir uns an einem der gefährlichsten Orte dieser Welt, dem Death Valley. Auch Jonathan Newhouse, Ohio, wird im Juni 1874 das Tal des Todes nicht unbeschadet passieren, obwohl er für dessen Durchquerung eigens ein eng anliegendes Solarjackett konstruiert hat, das den Körper des Reisenden mit feuchten Schwämmen umgibt. Zwei Tage nach seinem Aufbruch findet ein Indianer die Leiche des Erfinders: erfroren – unter der glühenden Sonne! Trotz der mörderischen Hitze hängt aus seiner Nase ein Eiszapfen. Wie sich herausstellt, hatte Newhouse die Schwämme, statt sie zu wässern, mit Äther und Ammoniumnitrat getränkt. Die entstehende Verdunstungskälte an der Oberfläche war derart groß, dass sie ihn vor Kälte hatte erstarren lassen.

Soll man das alles glauben? Wie auch immer: Diese und andere haarsträubende Geschichten erfährt man bei Alex Capus’ „Skidoo – Meine Reise durch die Geisterstädte des Wilden Westens“ (Der Hörverlag, 2012). Capus ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Auf seiner wilden Reise durch den Westen berichtet er – so der Untertitel – von Bankräubern, Glücksrittern und schlauen Indianern.

Schlau sind die Indianer deswegen, weil sie gut getarnt vom trockenen Unterholz aus beobachten, wie die Goldgräbersiedlung Panamint City bei einem Wolkenbruch einfach fortgespült wird. Nur der Billardtisch aus dem Saloon trotzt den reißenden Fluten. Später kehren die Schoschonen zurück, die aus jahrhundertelanger Erfahrung wissen, dass man im Talboden des Surprise-Canyons nicht siedelt, weil es dort Hochwasser gibt.

Wer sich schon immer darüber wunderte, dass erwachsene Menschen es als Nonplusultra ansehen können, als Massentouristen in Ledermontur auf einer Harley Davidson die legendäre Route 66 entlangzubrettern, wird auch für dieses sonderbar kollektivistische Phänomen bei Capus eine Erklärung finden: Um einen Weg durch die Wüste zu bahnen, kaufte die amerikanische Regierung in den 1850er Jahren für 30 000 Dollar Kamele, die die Karawanen mit sicherem Gespür von einer Wasserstelle zur anderen führten. Wenn man also heute von Tankstelle zu Tankstelle, Motel zu Motel, auf der Route 66 unterwegs ist, befindet man sich als Kamel-Wiedergänger auf einem alten, ausgelatschten Trampelpfad.

Der amerikanische Philosoph, Bleistiftfabrikant und Aussteiger Henry David Thoreau (1817–1832) hat mit seinem Pamphlet „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ (Hörbuch Hamburg, 2012) ein zeitloses Dokument politischer Literatur geschaffen.

Kai Grehn hat diesen Protest gegen die amerikanische Eroberungs- und Sklavenpolitik ganz im Vertrauen auf sein Spitzenensemble inszeniert: Gary Farmer, Angehöriger des indianischen Volkes der Cayuga, liest den Text auf Englisch – Nina Hoss und Dagmar Manzel liefern im Wechsel die Übersetzungen. Schon allein, den deutschen Text nicht ebenfalls von einem Mann, sondern von zwei stimmlich einander ziemlich nahen Schauspielerinnen lesen zu lassen, erzeugt beim Zuhören eine ständige Spannung. Minimalistisch: perfekt!

Dass es auch hierzulande einen mehr oder weniger zivilen Ungehorsam gibt, zeigt Heinrich Steinfest in seinem Kriminalhörspiel „Wo die Löwen weinen“ (Osterworld, 2012). Wenn es am Anfang heißt: „Diese Geschichte ist selbstverständlich frei erfunden. Eine Stadt namens Stuttgart hat also nie existiert“, so ist das der raffinierte Beginn eines Regionalkrimis, der Genregrenzen weit hinter sich lässt: Hier gehen ausnahmsweise mal nicht Serienkiller ihrem Handwerk nach. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Protest der Stuttgarter Bürger gegen einen, wie es im Hörspiel heißt, in jeder Hinsicht „unterirdischen Bahnhof“. Je abstruser dieses Politikstück sich übrigens entwickelt, desto mehr hat man den Eindruck, nähert es sich der Realität.

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