Hör BÜCHER : Klein waren auch die Größten

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Dass ausgerechnet ein derart unschuldiges Wort wie Buschwindröschen ein Erweckungserlebnis für Arno Schmidt gewesen sein soll, hätte ich nie im Leben vermutet: Dies und anderes aus der Kindheit des schrulligen Großmeisters erfährt man im Hörbuch „Arno Schmidt in Hamburg“ (Hoffmann und Campe, 2011). Das bewährte Trio Joachim Kersten, Bernd Rauschebach und Jan Philipp Reemtsma, das im selben Verlag schon viel für Schmidt getan hat („Zettel’s Traum, 2008, „Kühe in Halbtrauer“, 2009, „Verschobene Kontinente“, 2010) liefert hier eine Collage aus Arno Schmidts Erinnerungen.

Das ist ein Blick (oder wie er´s schreiben würde: Ein=Blick) in Klein Arnos Kinderstube, deren Dürftigkeit und Enge, wie er später befand, es ihm zeitlebens unmöglich gemacht hätten, „großzügig zu denken“. Aber vielleicht verhalf ihm ja gerade die geistig und materiell so übersichtliche Vorstadtkindheit im Hause eines Polizeioberwachtmeisters zu seiner silbenzählenden Pedanterie, die ihn bis heute einzigartig macht und ihn so wohltuend von halodrihafter Künstlerschal-Autorenschaft unterscheidet.

Immer neue Fluchtwege aus der kleinen Welt sucht er: Wenn sein Holzschiff draußen im Kanal nicht schwimmt, spielt er eben zu Hause damit: Hanse-Kogge im Sturm zwischen den Sofakissen. Der Balkon der elterlichen Wohnung wird ihm zum steinernen Startplatz für seine Flugträume. Und der Blick aus dem Küchenfenster auf den eckigen Nachthimmel über Hamburg-Hamm erweckt in ihm eine lebenslange Mondlust. (Gibt es eigentlich schon eine Dissertation, die sich Schmidts zahllosen Mond-Metaphern widmet? Nein? Sollte es aber! Hier würde man es sogar ganz ausdrücklich begrüßen, schriebe der Promovend einfach nur seitenweise aus Schmidts Romanen ab.)

Die im kleinbürgerlichen Elternhaus vorhandene Bibliothek jedenfalls konnte keinen nennenswerten Schaden im Gemüt des aufgeweckten Jungen anrichten, sie bestand aus cirka dreißig Bänden, vorzugsweise Kitsch. Mit vierzehn beginnt Arno Reclam-Hefte zu kaufen. Und Karl Mays Werke konnte er erst erwerben, als bei Karstadt die billigen, auf schlechtem Papier gedruckten Weltkriegsausgaben verramscht wurden: „pro Stück ’ne Mark“. Später wird Schmidt daraus seine unbezahlbaren Lektionen über den großen Sachsen extrahieren.

Das „Tagebuch einer Reise mit Alexander von Humboldt“ von Steven Jan van Geuns (tacheles ROOFMUSIC, 2011) präsentiert uns einen anderen Großen im zarten Jugendalter. Es ist eine in vieler Hinsicht merkwürdige Reise, die der Niederländer Dr. van Geuns mit dem zwanzigjährigen Studenten Alexander von Humboldt unternimmt. Sechs Wochen sind die beiden als Bildungsreisende in Deutschland unterwegs – im Herbst 1789! Von der Französischen Revolution allerdings scheinen sie kaum etwas mitbekommen zu haben. Kein Wunder: Schon für die 30 Kilometer von Marburg nach Gießen (Track 4) benötigen sie bei ihrem Marschtempo sieben Stunden. Wie weit ist es da erst bis Paris?

Überhaupt scheint dies eine Reise durch ein verschlafenes Land zu sein. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den betulichen Lesestil Konrad Beikirchers. Unterbrochen von Zollstationen, an denen jeweils ein alter Invalide sitzt und Geld einsammelt, geht es von Göttingen über Kassel, Marburg, Gießen, Frankfurt und Mannheim nach Mainz, dann den Rhein hinab bis nach Köln.

Mit dem Blick des Naturforschers und Ethnologen werden Gebirge und Landschaften – letztere noch völlig unverstellt von Autobahnen und ICE-Trassen – geschildert, ebenso die Sitten und Gebräuche, Ess- und Trinkgewohnheiten der Eingeborenen. Mit Befremden registriert der Holländer van Geuns etwa, dass die Deutschen, je näher man dem Rhein kommt, ihren Wein aus großen Biergläsern trinken.

Bis auf zwei, drei Erwähnungen am Anfang ist übrigens von Alexander von Humboldt im weiteren Verlaufe dieser Reise nichts mehr zu hören. Aber vielleicht bereitet sich dieser stumme Weggefährte da schon im stillen auf seine eigenen Weltreisen vor, die ihn später in nicht minder exotische Gegenden, von Südamerika bis nach Asien, führen sollen.

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