Hör BÜCHER : Mister X greift an

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Diese Kolumne wäre um ein Haar nicht geschrieben worden! Gerade hatte ich meinen Sitzplatz im ICE eingenommen, den CD-Walkman ausgepackt und mich verkabelt, so dass ich aufnahmebereit, Notizblock auf den Knien, unter meinen Kopfhörern saß, um mich einer Doppel-CD zu widmen (dem John-Sinclair-Hörspiel „Angst über London“, nebst den zehn zugehörigen Musiktracks unter dem Titel „Dark Symphonies“, Lübbe Audio, 2012), da verdunkelte sich links das Blickfeld – nicht in London!, nein, hier: im ICE.

Ein voluminöser Reisender (Typ: Lodenmantelträger, aus Tarnungsgründen aber lodenfrei) hatte sich neben meinem Sitz aufgebaut und seinen beträchtlichen Bauch so in meine Richtung gerammt, daß Letzterer wie ein Balkon über meinem Klapptisch hing. Den Blick hielt Mister X streng auf die Platzzahlenleiste gerichtet. Mit einer Hand hievte er sein Brillengestell ins Gesicht, dann zerrte er den Fahrschein aus der Brusttasche und verglich, die Lippen aufmerksam gekräuselt, die Zahlen auf dem Papier mit denen auf der Leiste. In der anderen Hand schwebte ein Pappbecher randvoll mit heißem Gefahrengut, Kaffee! Gut, ich bin ja nicht so empfindlich, meine mitreisende Elektronik aber schon. Mein erstaunter Dackelblick verwandelte sich in den eines Kampfhundes.

Was bildete dieser selbsternannte Blockwart sich eigentlich ein, mich – der ich leibhaftig anwesend war – mit Blicken derart in Luft zu verwandeln? Kein Gedanke daran, dass ich vielleicht mit guten Gründen (einer Platzkarte, zum Beispiel) hier saß. Sollte nicht auch im ICE die Unschuldsvermutung gelten? Leider (oder zum Glück) war ich völlig verkabelt, das heißt: gefesselt, nur mein Augenlid zuckte. Natürlich erkundigte sich X nicht bei mir nach der Wagennummer (ich war ja weiterhin Luft für ihn), sondern bei den anderen im Abteil. So erfuhr er, dass er im falschen Wagen war. Die DB lässt neuerdings (vielleicht, um die Reisenden von den ewigen Verspätungen abzulenken) die Wagen meist in umgekehrter Reihenfolge laufen; das bringt Abwechslung. Mich traf noch ein verächtlicher Blick, dann rollerte Dickerchen ab, ans andere Ende des Zuges. Und ich? Drückte die AUS-Taste!

Wozu eigentlich, frage ich mich angesichts all dieser frei herumlaufenden Idioten auf Ego-Horrortrip, muss man im Hörbuch das Grauen künstlich (oder eben auch: künstlerisch) verdoppeln, wo doch schon ein Rundumblick im Hier und Jetzt genügt?

Ich hörte dann doch die beiden CDs. In diesem Genre kenne ich mich nicht so aus, aber dieser John Sinclair scheint als „Meister der Geister“ eine Instanz zu sein. Wer auf Grusel steht, wird das zu goutieren wissen, zumal dieses Hörspiel ziemlich effektvoll produziert wurde. Sonst mache ich ja einen Bogen um Geisterjäger aller Art und fände es viel passender, würde endlich mal der reale Un-Geist (s.o.!) gejagt. Was mich hier aufhorchen ließ, waren die Musiker der Begleit-CD, u.a. Marianne Rosenberg, Tocotronic und Xavier Naidoo, die Sinclair ihre Reverenz erweisen, das reicht vom Schlager bis zu Trash Metal.

Mehr noch aber interessiert mich der ganz normale Horror. In Niccolò Ammanitis „Du und Ich“ (Osterwold, 2012) geht es um Pein und Schrecknisse der Pubertät. Lorenzo erzählt seinen Eltern, dass er mit einer Clique in die Skiferien fahren wird. Die beiden sind froh, dass der verhaltensauffällige Junge endlich Anschluss gefunden hat. Das Dumme ist nur: Es hat ihn überhaupt niemand eingeladen. Stattdessen wird er, reichlich mit Vorräten eingedeckt, die Ferienzeit im Keller des elterlichen Hauses zubringen, undercover. Mit einem Mobiltelefon lassen sich ja bequem Anrufe aus den Alpen fingieren. Alles scheint zu klappen, doch dann taucht seine drogenabhängige Halbschwester Olivia im Keller auf, sie braucht Bargeld.

Gespannt verfolgt man, wie Lorenzos narzisstische Schale aufbricht und er eine Welt außerhalb seiner eigenen entdeckt. Hans Löw als Sprecher findet für diesen äußerst hörbuchaffinen Kammerspiel-Roman, 2012 bei Piper erschienen, genau die Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen dramatischer Figurensprache und cool-nüchternem Erzähltext.

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