Hör BÜCHER : Oberhalb der Schmerzgrenze

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Wenn jemand beim Orgasmus zwanghaft den Satz „Sieg den Kräften der demokratischen Freiheit!“ ausrufen muss, dann sind wir in der Welt von David Foster Wallace (1962 – 2008). In einer Hörspielbearbeitung von Antje Vowinkel liegen dessen Erzählungen „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ als Hörbuch vor (Der Hörverlag, 2010). Kongenial ist diese Umsetzung vor allem deswegen, weil sie eben nicht eins zu eins nach der Vorlage arbeitet, weil hier nicht alles schön der Reihe nach buchstabengenau abgelesen wird. Die innere Spannung dieser Prosa wird vielmehr als Stimmengewirr inszeniert; sparsame Musik- oder eher Klangakzente strukturieren ein Tableau aus Sprachfetzen, Monologen und Dialogstücken.

Nun hätte das alles leicht zu einer höchst langweiligen Schauvorführung in Sachen Dekonstruktivismus werden können. Antje Vowinkel entgeht dieser Gefahr, indem sie geschickt die Schwimmbaderzählung „Für immer ganz oben“, die hoch hinauf auf die einsame Höhe eines Sprungturmbrettes führt, aufsplittet, so dass von Anfang an eine zusätzliche Binnenspannung entsteht.

Bei einem herkömmlichen Hörspiel würde man es als Mangel empfinden, wenn die gehörten Stimmen nicht einzelnen, genau umrissenen Personen zuzuordnen sind. Derlei Geschäftsgrundlage gilt bei Wallace längst nicht mehr: Die individuelle Persönlichkeit ist ausgelöscht worden, ist hinter den Sprachmustern und –schablonen der unbarmherzig vor uns abrollenden Rollenprosa verschwunden. Manchmal scheint es, als würden wir, in einem Wartesaal oder Zugabteil, zu ungewollten Zeugen dieser Psychodramen. Man möchte das alles überhaupt nicht wissen – und kann dennoch nicht abschalten. Hier hat jemand sein Mikrofon voll aufgedreht, er erspart uns nichts. Foster Wallace ist ein hochsensibler, gnadenloser Berichterstatter vom Schauplatz des täglichen Geschlechterkampfes. Er geht bis an die Schmerzgrenze und oft noch ein Stück darüber hinaus – dorthin, wo Irrsinn und Normalität plötzlich Hand in Hand auftreten und wir sie erstaunt als eineiige Zwillinge erkennen.

Dass man klassische Texte auch klassisch einfach im Hörbuch präsentieren kann, zeigt Peter Matics Lesung von „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ (Goya LIT, 2010). Lange hatte ich diese Erzählung Lew Tolstois nicht gelesen, und hatte es, offen gesagt, auch nicht mehr vor. Seit meiner ersten Lektüre hatte ich ja nicht vergessen, wie der teuflische Wettlauf des Bauern Pachom gegen die untergehende Sonne ausgeht. Vorgelesen von Peter Matic jedoch leuchtet dieser Text, den Stefan Zweig einmal mit den Erzählungen des Alten Testaments verglichen hat, völlig neu auf.

Die Fragen, die Lothar von Versen als „Don Lobo von Radio Borsigwalde“ zu beantworten hat, sind naturgemäß etwas weniger komplex als Tolstois fast biblische Grundsatzfrage. In „Hilfe, ich bin normal“ (IFB, Deutsche Sprache GmbH, 2010) persifliert von Versen amüsant, was uns in Radioratgebersendungen mitunter um die Ohren gehauen wird. Da es sich hier um einen fiktiven Berliner Regionalsender handelt, werden wir in einem Bonustrack auch in die Geheimnisse der Berliner Grammatik eingeweiht. Es sind allerdings, wie mir scheinen will, schon die letzten, dinosaurierhaften Laute eines im Aussterben begriffenen Dialektes.

Zu meinem großen Glück bin ich kein Kritiker. Deshalb gehöre ich 1) weder eingesperrt noch unterliege ich 2) Buchhandelssperrfristen. Mein Job ist es lediglich, ab und zu Empfehlungen zu geben. So nehme ich die Gelegenheit wahr und weise schon jetzt auf eine Produktion hin, die am 14. Februar bei Hörbuch Hamburg erscheinen wird: Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“, gelesen von Matthias Brandt. Schon nach einer ersten – ich gebe zu: geradezu atemlosen! – Anhörung der gekürzten Vorabkopie wage ich die Prognose: Diese Vater-Sohn-Geschichte, diese berührende Nahaufnahme einer Demenzerkrankung wird uns noch lange beschäftigen.

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