Hör BÜCHER : Salzkörner und Tränendrüsen

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Ob die von Werner Heisenberg entdeckte Unschärferelation tatsächlich nur für den Bereich der Quantenphysik gilt? Diese Frage könnte man sich bei der Hörspielfassung von Peter Weiss’ Prosastück „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ (Der Hörverlag, 2010) stellen. Nur zur Erinnerung, das von Heisenberg formulierte Dilemma lautet: Soll der Ort eines Elektrons möglichst genau bestimmt werden, muss dieses mit extrem kurzwelligem Licht (harten Gammastrahlen!) beleuchtet werden. Dadurch erhöht sich der Impuls des Elektrons, es beginnt gewissermaßen zu „wackeln“. Beleuchtet man es hingegen energieärmer, unterbleiben zwar Impuls und Wackeln, doch der Ort des Elektrons wird entsprechend weniger scharf ausgeleuchtet. So oder so, wir kommen der Sache grundsätzlich nicht näher, wir stoßen an eine unüberwindbare Grenze.

Peter Weiss, um in diesem Bild zu bleiben, beleuchtet in seinem Text die einzelnen Dinge extrem kurzwellig: volles Licht also auf alle Einzelheiten! Trotzdem bleiben wir im Dunkeln über die wahren Verhältnisse auf diesem merkwürdigen Gutshof, von dem Weiss nicht erzählt, sondern den er uns nur minutiös beschreibt. Was haben der Doktor, der Hauptmann, Schneider und Herr Schnee miteinander zu tun? Diese Unschärfe entsteht, weil die einzelnen Beobachtungen nicht in einen festen Erzählzusammenhang rücken; so bleiben sie notorische Wackelkandidaten. Die mehrstimmige Hörspielfassung von Michael Farin legt genau diesen Aspekt offen; bei schlichter Lektüre bliebe er dem Leser womöglich verborgen.

Und wenn uns doch einmal die Sehnsucht nach dem großen Ganzen packt? Weiss wäre nicht Weiss, würde er sich ernsthaft auf jenen alternativen Holz-Weg begeben, der oben unter „energieärmere Beleuchtung“ verzeichnet war, das heißt, Zuflucht zum Halbdunkel einer vagen, konventionellen Beschreibung zu nehmen. Stattdessen verfügt sein Erzähler über ein probateres Mittel, vgl. Track 7: Auf seinem Tisch steht ein Teller mit Salz. „Die Aufgabe der Salzkörner ist es, meine Tränendrüsen zu reizen, und damit meinen Blick verschwommen zu machen.“

Vor Jahren kam mir dieser Text viel zu elaboriert vor, als ein Musterbeispiel der Gattung intellektuelle Verwirrprosa. Damals bin ich nicht einmal bis zur Auflösung der Eingangssequenz gelangt. Jetzt, nach dem Hören, ist mir überhaupt erst die Erzählperspektive des Anfangs klargeworden: Schlicht und einfach sitzt da jemand auf dem Plumpsklo eines Gutshofes, und die Einzelheiten seiner Umgebung, die er mit all seinen Sinnen wahrnimmt, sind genauso wirr, wie es die abgerissenen Satzfetzen auf den Zeitungsschnipseln des Klopapiers sind, das er in seinen ratlosen Händen hält: … durcheinandergewürfelte Bruchstücke der Zeit … Ereignisse ohne Anfang und ohne Ende.“

Dass man ein biografisches Hörbuch nicht unbedingt mit dem Lebensanfang beginnen muss, zeigt Janine Strahl-Oesterreich in „Eine Frau macht Theater. Das Leben der Caroline Neuber“ (Eulenspiegel, 2011). Es beginnt mit dem Tod der Neuberin und mit der Weigerung des Pfarrers, ihr ein kirchliches Begräbnis auszurichten. Eine Stunde lang hat man nun Zeit herauszufinden, wie es so weit kommen konnte: Schließlich war die Neuberin nicht nur die berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit, sondern auch die erste deutsche Theaterprinzipalin. Praktische Sachen wie Programmheft, Bühnenmusik und eine feste Bezahlung für die Schauspieler hat sie erfunden. Und da sie über einen „flotten Zungenschlag“ verfügte, ist Janine Strahl-Oesterreich eine Idealbesetzung. Sie liest den Text nicht einfach vom Blatt, sie spielt ihn vom Blatt. Dabei pendelt sie souverän zwischen Originalstücken und Zwischentexten. Einmal mehr staunt man, wie sinnlich die deutsche Sprache des 18. Jahrhunderts war. Die erste Publikumsbeschimpfung geht ebenfalls auf die Neuberin zurück: „… denn von der Schauspielkunst habt Ihr sehr wenig Licht / weil’s Euch an Zärtlichkeit, Natur und Kunst gebricht“. Das ginge heute wohl an die Adresse der Theateroberen.

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