Hör BÜCHER : Wenn nur die Musik erzählt

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Gerade bei den kleinen Hörbuchverlagen sind Entdeckerfreude und Innovationslust besonders groß. Was bleibt ihnen auch anderes übrig: Sie müssen sich ja schließlich was einfallen lassen! Zum Beispiel: Hörbücher – ganz ohne Worte. Geht das überhaupt? Ist das nicht so was wie, na ja, Pantomime im Radio? Nicht unbedingt.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Frank Fröhlich in seiner Edition Goldmund unter dem Titel „Postkarten an B.“ zwanzig Musikstücke. Zum Hörbuch wird das Ganze dadurch, dass im Booklet Postkartentexte abgedruckt sind, die dieser fahrende Sänger, Weltenbummler und „Hotelzimmergrübler“ von unterwegs nach Hause geschrieben hat. Hält man das Booklet in der Hand und hört parallel dazu die Musik, erschließt sich sofort das Konzept. Zu den Landschaften, Städten, Begegnungen, die in den Postkartentexten kurz gestreift werden, liefert Frank Fröhlich musikalische Variationen und Kommentare – mal ganz unmittelbare, fast parodistisch-lautmalerische, etwa im fünften Stück („Wiener Unschuld“), wenn wir musikalisch in einem Caféhaus landen; dann wieder wird eine Begegnung sehr frei umspielt, so in Stück 7. Das ist überhaupt mein Lieblingsstück, dieses traurigschöne „Auf einer Wellenlänge“, wo Fröhlich zwei älteren Herrschaften, „Philemon und Baucis“, im Kinderabteil eines ICE von Stuttgart nach Friedrichshafen Gesellschaft leistet. Die beiden sitzen vor einem großen Gestell mit Memory-Quadraten, die Frau füttert ihren Mann mit Lindt-Schokolade, und sie sind unterwegs in die Schweiz, in ein Sterbehospiz.

Literarische Vorlage für Hans-Joachim Heßlers: „Spiegel im Spiegel“ (United Dictions of Music, 2012) sind vier Texte aus Michael Endes (fast) gleichnamigem Buch „Der Spiegel im Spiegel. Ein Labyrinth“. Die Gefahr bei surrealen Texten besteht immer darin, dass sie unendlich fortgesponnen werden können – und, weil unsere gewöhnliche Schwerkraft pausiert, als buntschillernde Seifenblasen irgendwohin entschweben, irgendwann zerplatzen, worauf wir uns dann verwundert die Augen reiben und uns fragen: War es das jetzt? Nicht so bei Michael Ende. Jede seiner Geschichten folgt konsequent ihrer eigenen, innewohnenden Traumlogik. Statt ziellos ins Ungefähre abzuschweifen, laden diese Parabeln den Leser oder eben den Hörer zu konzentrierter Meditation ein. Und die Musik dazu? Frei nach Frank Zappas Conceptual Continuity nennt Hans-Joachim Heßler seine Art des Komponierens: konzeptionelle Diskontinuität. Das ist nun wirklich sehr frei, zumal es ja nichts anderes als das Gegenteil ist. Hauptsache jedoch, es ist gut. Und das ist es.

In Endes Text „Schweres schwarzes Tuch“ (Stück 2) geht es um einen Tänzer, der auf seinen Auftritt wartet, der nie stattfinden wird. Dieser Tanz, so steht es bei Ende, soll „mit einem mächtigen Paukenschlag“ beginnen. Im kunstvoll auf der Stelle tretenden Text bleibt der erlösende Paukenschlag aus. Die Musik jedoch liefert ihn nach exakt 6: 29 Minunten, und dann beginnt der Tanz: wild, ausgelassen.

Filigran zieht die Musik die Spuren nach, die in einem anderen Text Endes ein Schlittschuhläufer mit seinen Schlittschuhen in den Himmel zieht (Stück 4). Hier überraschen schöne Wechsel: In der Mitte dieses Musikstückes gibt es eine Passage, die sich zunächst gängig eingängig nach vollklimatisierter Hotellobby-Musik in Las Vegas anhört. Wie sich dann aber aus dem Dialog mit dem Klavier (Heßler) das Tenorsaxophon (Matthias Schubert) freimacht und schräge Eigensinnigkeit in höchsten Tönen zelebriert – das hat Klasse.

Leider wurde darauf verzichtet, im Booklet die vier Prosastücke – es sind nicht mehr als sechs Buchseiten – abzudrucken; man muss sie sich also separat besorgen. Bei der großen Improvisationsfreiheit wären diese Texte im strengen Sinne zwar nicht als Libretto (zum Mitlesen) zu gebrauchen gewesen. Es hätte aber den Vorzug gehabt, die Verbindung von Literatur und Musik sinnfällig zu machen. Außerdem hätte man beim Zuhören etwas in der Hand gehabt. Egal, auch so sind es unendlich schöne Geschichten, die wir hier zu hören bekommen. Und zwar ganz ohne Worte.

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