Hör BÜCHER : Wie war das doch gleich?

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Manchmal ist es ein einzelner Satz, der lange im Ohr nachklingt: „Ich kann mir alles merken – nur nicht mehr so lange.“ Ich wusste nur lange nicht, wo ich den einordnen sollte; jetzt weiß ich es wieder, vor mir liegt Nora Ephrons gleichnamiges Hörbuch (Random House Audio, 2011). Die amerikanische Drehbuchautorin und Produzentin erzählt darin vom Verschwinden der Dinge aus unserem Kopf. Keine streng durchgeformte Prosa, es sind locker und anekdotisch aneinandergereihte Episoden, insofern exzellent fürs Hörbuch geeignet. Dass man das alles bequem auch unterwegs hören kann, spricht keineswegs gegen diese Geschichten; es spricht vielmehr dafür, dass diese Texte optimal im Hörbuch aufgehoben sind, zumal, wenn Maren Kroymann sie liest: Dieser klugen, warmherzigen Schauspielerin hört man einfach gerne zu.

Witzig und äußerst genau registriert Nora Ephron die kleinen Aussetzer und Ausfälle, die altersbedingt auftreten. Wenn uns nun partout ein bestimmter Name nicht mehr einfallen will, und wir schon im nächsten Moment das Internet bemühen müssen, ist damit nur kurzfristig Abhilfe geschaffen. Längerfristig ist es kreuzgefährlich, ausschließlich an der Google-Krücke zu tappen, die eigene Fähigkeit, sich an etwas Bestimmtes zu erinnern, verkümmert dabei.

Es gibt auch ganz praktische Tipps. Im Zweifelsfall ist es auf einer undurchsichtigen Party besser (das heißt: neutraler) zu sagen: „Schön, Sie zu sehen“ statt „Schön, Sie kennenzulernen“, denn es könnte ja der eigene Chef sein, den man im ersten Moment bloß nicht sofort wiedererkannt hat, vielleicht ist es ja eine Faschingsfeier, und er trägt unter diesen besonderen Umständen eine große rote Pappnase. Dennoch, und das ist das Sympathische an diesem Hörbuch, ist es kein Ratgeber, mit dem Leute vorsätzlich fürs Alter fit gemacht werden sollen, auf dass sie dann als Zombies die Gegend unsicher machen. Vielmehr handelt es sich um das melancholische Protokoll des unaufhörlichen Vergehens und Vergessens. Dass da mitunter manches ziemlich durcheinandergeht, kann man für einen raffinierten Trick der Autorin halten.

Wie Dinge nicht nur aus dem Kopf, sondern auch ganz real aus der Welt verschwinden, davon berichtet Frank Quilitzsch: „Dinge, die wir vermissen werden“ (Random House, 2011). Eigentlich, das hört man sofort, geht es dabei um Dinge, die Frank Quilitzsch, geboren 1957 in Halle an der Saale, vermisst. Durch einen Kunstgriff jedoch – die Aufteilung des Monologtextes auf Iris Berben und Thomas Thieme – legitimiert sich das „wir“ im Titel, so erst kommt dieser Text richtig in Gang und auf einmal kann sich jeder angesprochen fühlen.

Worum geht es? Zum Beispiel um Erika, die Schreibmaschine. Oder um den Tonarm beim Plattenspieler und die erste Liebesnacht. Um Teppichklopfer, Stiefelknecht, Poesiealbum, Rohrpost und vieles andere mehr. Das dem fragwürdigen „Leibchen“ gewidmete Kapitel beginnt mit dem schönen Satz: „Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit“.

Die Kunden von Nora Ephrons Hörbuch könnten übrigens anhand dieser Reise in die Vorzeit gleich testen, wie viele Erinnerungen die 46 Stichwörter in ihnen noch wachrufen. Dass auch beim Rechercheur Quilitzsch schon einiges in Vergessenheit geraten sein muss, hört man auf CD 1, Track 12, wo es um die „Russischolympiade“ geht (wobei natürlich zu fragen ist, ob die wirklich zu den Dingen gehört, die wir vermissen!). Egal: Die dort angesprochene sowjetische Kinderbuchfigur heißt jedenfalls nicht Dr. Aibolin (denn das heißt gar nichts), sondern Dr. Aibolit – zu deutsch: Dr. Aututweh.

Das Beste zum Schluss: Irène Némirovskys „Rausch“ (Der Hörverlag, 2011), gesprochen ebenfalls von Iris Berben. Ein Kammerspiel in Revolutionszeiten, Winter 1917/18 in Finnland. Große Literatur, die sich hochdramatisch auf allerkleinstem Raum entfaltet. Nicht länger als 84 Minuten dauert diese Novelle, und doch hallt sie lange nach.

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