Hör BÜCHER : Zuses Muse

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Dass Matthias Politycki, dieser Meister aller Klassen, vom Großroman über den Essay bis zum Gedichtband (zuletzt: „Die Sekunden danach“, Hoffmann und Campe 2009) früher oder später auch der noblen Kunstform der Novelle einmal seine Reverenz erweisen würde, hätte man ahnen können. Das Ergebnis liegt vor, es ist, wie nicht anders zu erwarten, verstörend schön – und jetzt gibt es die „Jenseitsnovelle“ auch als Hörbuch (Radioropa, 2010). Soll ich verraten, worum es in dieser Novelle geht? Ich denke nicht daran. Wenn ich sage, es geht um alles und nichts, kommt das der Wahrheit sehr nahe. Eine unglaubliche Liebesgeschichte, die den Leser unheimlich, und zwar in jeder Beziehung, vom Anfang bis zu ihrem – überraschenden – Ende in ihren Bann zieht. Kann da das Hörbuch überhaupt noch punkten? Durchaus. Die Aufsplittung Autor – Sprecherin (Nina Petri!) bereichert diesen vielschichtigen Text um eine Geisterstimme und dimensioniert ihn noch einmal neu.

Da wir beim Thema Liebe sind, hier noch weitere sachdienliche Hinweise. Gleich zwei großen Rätseln der Menschheit ist F.C. Delius in „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ (Kunstmann, 2010) auf der Spur – der Liebe und dem Computer. Man könnte hier an schwere Abstürze denken, an händeringend verzweifelte Zwiesprachen mit einem störrisch stummen Gegenüber, von schlimmen Virusinfektionen ganz zu schweigen – Delius grenzt in seinem klugen Roman das Feld ein.

Er berichtet vom Ingenieur Konrad Zuse (1910 - 1995), dem „weltberühmten Unbekannten“, der mit seiner Universalrechenmaschine den Prototyp heutiger Computer schuf; beziehungsweise: Zuse selbst berichtet darüber. Deshalb am Anfang eine leichte Irritation, man fragt sich, weshalb Delius verstellt mit Altmännerstimme spricht. Schnell wird klar: Das ist Rollenprosa, spätestens beim „Jägerschnitzeltest“ hat man sich dann auf dieses Rollenspiel eingelassen. Das Jägerschnitzel gehört nämlich ebenso wie Zuse zu den Verkannten der Weltgeschichte.

Man erfährt, wie Zuse von einem deutschen Patentamt zum andern pilgerte, um nach 26 Jahren letztinstanzlich zu erfahren, daß ihm „mangels Erfindungshöhe“ kein Patent erteilt werden kann. Zum Glück gibt es noch Zuses Muse, jene rätselhafte, schon seit 140 Jahren tote Ada, Tochter Lord Byrons und Mitarbeiterin des Mathematiker Babbege. – Sehr informativ, sehr hörenswert!

Und sonst? „Liebe und andere Verirrungen“ (Patmos audio, 2010) hört sich zwar ein bisschen wie „Männer und andere Krankheiten“ an; es ist trotzdem zu empfehlen, schon weil ein großartiges Ensemble (unter anderem Monica Bleibtreu und Boris Aljinovic) mit Lust – und eben auch Liebe! – klassische Texte, die einem nicht sofort einfallen würden (unter anderem von Anton Kuh und Marieluise Fleißer), interpretiert. Allein, wie hinreißend Boris Aljinovic sich durch Döblins „Kleine Alltagsgeschichte“ berlinert!

Dass auch „Sisyphos“ zum Thema gehört, wird Kenner der Materie kaum überraschen. Diese leichtfüßige Hörspielversion des klassischen Stoffes von Dirk Heidicke ist in einer SDR-Produktion von 1994 zu hören (Der Audioverlag, 2010).

Neulich, vor ein paar Jahren, war an dieser Stelle dringend „Wie ich einen Hund gegessen habe“ von Jewgeni Grischkowetz, Regie: Gabriele Bigott, mit Aljinovic in der Paraderolle (Produktion SFB/ORB, 2001) fürs Hörbuch empfohlen worden. Es tut mir leid: Solange es dieses kostbare Stück nicht als Hörbuch gibt, ist die ganze Branche mit einem Makel behaftet: Sie muss sich fragen lassen, ob sie, beschäftigt mit ihren Zweitverwertungen, wirklich schon bereit ist für höchste Original(!)qualität. – Nein, das war keine Frage, das ist eine Antwort.

Es heißt, es gebe keine dummen Fragen. Na ja. Wer wissen will, „Warum Männer immer Sex wollen und die Frauen von der Liebe träumen?“, bekommt im gleichnamigen Hörbuch von Allan und Barbara Pease (Hörbuch Hamburg, 2010) zumindest ein paar der gängigen Antworten geliefert. „Mehr Liebe“ verspricht uns schließlich Frank Schulz (Hörbuch Hamburg, 2010). Dafür reicht der Platz nicht mehr. Mehr Liebe nächstes Mal.

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