Kultur : Hörbuch: Hilde Domins Stimme

Sylvia Meise

Wenn Hilde Domin liest, wird Sprache zum sinnlichen Instrument, und nirgends sind Hörbücher wohl sinnvoller, als bei Lyrik. 1932 ging Hilde Domin nach Santo Domingo ins Exil. Domingo heißt Sonntag, erklärt die "Sprachhandwerkerin", und es war ein Sonntag, an dem Columbus diese Insel entdeckte. Als Domin wieder nach Deutschland zurückkehrte, als ihre Mutter starb und sie vierzig Jahre alt war, begann sie zu dichten und nannte sich Domin - Sonntag.

Worte wie "Freiheit" möchte Domin mit Glasplittern spicken, damit sie uns nicht so leicht von der Zunge gehen, und appelliert an das Gute im "Menschtier". Zum Beispiel mit "Abel steh auf". Es handelt von der Möglichkeit einer zweiten Chance. Sie habe dieses Gedicht in Gefängnissen vorgelesen, erzählt sie mit alterskratziger, aber fester Stimme, dort sei es auf große Resonanz gestoßen. Denn: wenn Abel auf(er)stünde, wäre Kains erste Wut verheilt. Dann müsste er seinen Bruder nicht totschlagen. Wie Hilde Domin "Abel steh auf" liest, würdig, getragen, das kommt einer Predigt nahe. Es ist die Authentizität der Zeitzeugin von der dieses Hörbuch lebt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar