HÖREN : Foxtrott gegen Weltschmerz

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Manchmal muss man die Waffen strecken. In ausweglosen Situationen kann man sich – wie jeder gute Coach bestätigen wird – auch dafür entscheiden, sich gar nicht zu entscheiden. Das musikalische Komplement zur Gleichmütigkeit ist nicht selten Bizarrerie, ein sonderbares Nebeneinander verschiedener Stimmungen und Affekte. Wie anders wäre der Genesis-Song „Land Of Confusion“ zu beschreiben, Mitte der Achtziger am Umschlagpunkt zu den letzten Jahren des Kalten Krieges? Der Videoclip zeigt Ronald Reagan im Bett und Dutzende anderer Protagonisten aus Politik und Showgeschäft. Im Text blinkt dann und wann noch etwas Weltangst auf, musikalisch aber schwingt man sich schon stark zu guter Laune auf. So fühlte es sich also an, von der Totalität der Aufrüstungsjahre überfordert zu sein.

Jedenfalls kommt einem da gleich ein schlauer Satz in den Sinn, den der Regisseur und Autor Peter Lund einmal über die Operette gesagt hat und deren besondere Möglichkeiten, auf das sehr Schwere sehr leicht, vielleicht sogar mit Unsinn zu reagieren: „Wir können das Problem nicht lösen, also gehen wir in den Can-Can.“ Wenn Dagmar Manzel, Helmut Baumann und Adam Benzwi am späten Mittwoch- abend in der Komischen Oper zum Gespräch darüber zusammenkommen, ob „denn Foxtrott Sünde sein“ könne, kurz nach Ende der Vorstellung des „Ball im Savoy“ von Paul Abraham (am Freitag und Samstag zeigt die Volksbühne übrigens die „Frau Luna“ von Abrahams Namensvetter und Zeitgenossen Paul Lincke), dann wird gewiss auch die Rede davon sein, dass die Operette in diesem Sinne die klügste unter allen Musiktheater-Gattungen ist. Denn wenn die Welt auch untergehen will, auf der Bühne wird gesungen und getanzt, und wenn draußen keiner weiß, wo es langgehen soll, so ist drinnen doch immer klar, aus welcher Richtung der nächste Witz kommt.

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