HÖREN : Goethe meets Jazz

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Frühsommer 1945, das kulturelle Leben in Berlin erwacht wieder. Bereits Ende Mai hatten die Philharmoniker ihr erstes Konzert nach Kriegsende gegeben, im Juni wurde in Zehlendorf das „Internationale Musikinstitut“ eröffnet. Ebenfalls in Zehlendorf brandeten im Spätsommer hitzige Diskussionen darüber auf, wie genau denn nun zu verfahren sei mit dem Konzertleben.

Das Archiv der Akademie der Künste bewahrt einen interessanten Schriftwechsel: Da hatten ein Schauspieler und eine Pianistin sich einen bunten Abend ausgedacht, wie er auch heute noch vorstellbar wäre, Texte von Goethe, dazu Musik von Händel, Chopin und Schumann. Auf dem Spiel indessen stand nichts weniger als eine neue, stabile, „gute“ Kultur. Und so verwahrte sich Franz Wallner-Basté, damals zuständiger Bearbeiter im Kulturamt Zehlendorf, gegen das „Harlekinsprogramm“ und trat in den folgenden Wochen in eine geradezu absurde Debatte darüber ein, inwiefern Goethe und Chopin kompatibel seien. „Ginge es nicht um Goethe, wir ließen mit bedauerndem Achselzucken den Dingen ihren Lauf“, schrieb er in einer ersten Reaktion auf den Programmvorschlag, ganz Schirm und Schutz für den großen deutschen Dichter. Am Ende musste die amerikanische Überwachungsstelle angerufen werden.

Die Veranstaltung, hieß es von dort, „würde auch dann zuzulassen sein, wenn die Dichtungen Goethes mit Jazzmusik begleitet wären“. Wallner-Basté fügte sich drein. Er übermittelte den Bescheid – und notierte heiter, dass man die Sache mit der Jazzmusik bitte nicht als Anregung weitergeben möge. Wer mehr über das Musikleben in den Nachkriegswochen erfahren möchte, sollte das Alliiertenmuseum in Zehlendorf besuchen: Im Hintergrund der neuen Ausstellung über den „American ‚Way of Music’ in Deutschland“ informiert die Dauerausstellung auch über das Wirken der Westmächte in den allerersten Jahren nach Kriegsende – und damit über die Weichen, die in dieser Zeit für das inländische Konzertleben gestellt wurden.

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