HÖREN : Goldschatten und Traumlichter

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Schon hatte ich vermutet, bei der Nachtwanderung, die der Chor Cantus Domus kommenden Samstag ausrichtet, ginge es tatsächlich um eine Nachtwanderung. Es wäre zu schön: abends los und in der Gruppe leise durch den Grunewald gezogen, „Abendstille überall“ im Kanon gesungen oder „Waldesnacht, du wunderkühle“ im gemischten Satz. Der Wald stünde schwarz und schwiege, von oben schaute der Mond auf die Szenerie. Gut, man würde auffallen. Aber warum eigentlich nicht? Wäre eine Nachtwanderung mit Chorgesang sicherheitstechnisch ein Problem? Gäbe es Schwierigkeiten mit der Einlasskontrolle? Kämen sich die Besucher zu wandervogelig oder hitlerjugendlich vor? Oder darf am Ende die Nachtruhe von Fuchs und Hase nicht gestört werden?

Bis eine Lösung für diese Fragen gefunden ist, sollte man sich einem der berühmtem Konzeptkonzerte des Chores Cantus Domus anvertrauen. Und dessen Wissen darum, dass Nacht und Traum schon immer inspirierend auf die Tonschöpfer eingewirkt haben, nicht erst im romantischen Zeitalter. Zuletzt hatte der Chor Abende unter dem Motto „Hochzeiten“ oder „Schallmauern“ veranstaltet.

Nun lädt er zur „Nachtwanderung“ ins Kühlhaus nach Kreuzberg, zu einem ungewöhnlichen Konzert mit Musik und Lichtinszenierungen, mit „dunklen Träumen und goldenen Schatten, Todesahnung und Traumlichtern“. Unter der Leitung von Ralf Sochaczewsky und Tobias Walenciak werden die rund siebzig Sängerinnen und Sänger Kompositionen aus vier Jahrhunderten vortragen, Brahms, Strauss, Schumann oder Gesualdo. Vor allem aber gelangt das Auftragswerk „Am Abend, am Morgen“ des Berliner Komponisten Frank Schwemmer zur Uraufführung. So ist es nur erwartbar, dass die Veranstaltung „Konzertstrukturen aufbrechen und Hörgewohnheiten herausfordern“ wird. Nächstes Mal klappt es vielleicht sogar mit einer echten Nachtwanderung.

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