HÖREN : Hörnerklang in Weißensee

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Wäre dies nicht der Weiße See, der still daliegt am Morgen, sondern der romantische Neckar, und würden wir nicht heute leben, sondern im 19. Jahrhundert, dann hieße ich vielleicht Joseph Eichendorff und wäre gerade mit meinem Bruder Wilhelm unterwegs. Eine kurze Reise nur, die gleichwohl für immer Gefühle von Wehmut und Verheißung freisetzt. Und eines Morgens, während wir so im Wald spazierten (eigentlich um den Weißen See), würde ich auf einmal Hörner klingen hören. „Wilhelm“, würde ich sagen, „es sind wahrscheinlich Jäger“, und in Gedanken würde ich notieren: „Es zog eine Hochzeit den Berg entlang, / Ich hörte die Vögel schlagen, / Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang, Das war ein lustiges Jagen!“ Und unten glitzerte der Neckar. Nun aber schimmert der Weiße See, und aus der Ferne hört man Hörner. Es ist noch früh am Morgen, die Vögel zwitschern. Auf dem Wasser liegt ein Kahn mit jungen Männern, die ihre Angeln mit Blinkern in den See halten und nichts fangen. Und wie wir den See umrunden, kommen wir dem Klang näher, und dort, auf einer Wiese, stehen sie auf einmal und spielen: drei Alphornisten. Später im Café auf der anderen Seeseite sagt eine Kellnerin zu einigen alten Damen: „War ja jut, aber Musik war et nich.“ Gutmütiges Gelächter, eine Berliner Bemerkung, ein bisschen frech, außerdem nicht wahr. Aber sie amüsiert, und das ist in diesem Moment vielleicht das Wichtigste.

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