HÖREN : Schweigen und Geschrei

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Harmonische Familien sind für die Opernbühne gemeinhin weniger interessant sind als solche mit Problemen – wie langweilig etwa wäre es, wenn der Graf und die Gräfin im „Figaro“ sich perfekt verstünden oder die große Gemeinschaft im „Ring“ ihre Streits ganz in Ruhe lösen würde! Eine derart dysfunktionale Familie allerdings, wie sie Leonard Bernsteins A Quiet Place versammelt, gelangt nur selten auf die Bühne: mit schwärzestem Zorn und Traurigkeit, Ausschweigen und Anschreien, offen thematisierter Gemütskrankheit und sogar einem echten Psychoanalytiker.

Freilich hat es opernseitig ein wenig gedauert mit dieser Präsentation familiären Maximalunglücks. Jedenfalls wurde „A Quiet Place“ auf ein Libretto von Stephen Wadsworth nach der Uraufführung im texanischen Houston 1983 zunächst heftig ausgebuht. Lange verschwand die Oper, die als Folgestück zu der viel früher entstandenen Kurzoper „Trouble in Tahiti“ gedacht gewesen war, in der Versenkung – bis sie nach mehreren Umarbeitungen ein weiteres Mal revidiert wurde und 2010, zwei Jahrzehnte nach dem Tod Leonard Bernsteins, sehr erfolgreich Wiederaufführung in New York feierte.

Nun haben sich der Komponist und erfahrene Bernstein-Bearbeiter Garth Edwin Sunderland und der Dirigent Kent Nagano, gegenwärtig Chef des Symphonieorchesters Montreal, erneut des Werks angenommen, den Dreiakter abermals akribisch durchgesehen und auf Kammermusik-Format eingeschmolzen. Die neue Version von „A Quiet Place“ wird am Mittwoch im Konzerthaus im Rahmen der Bernstein-Hommage erstmals zu hören sein – in einer konzertanten englischsprachigen Aufführung mit deutschen Untertiteln.

Kent Nagano, der als Student Bernsteins noch Zeuge der Proben zur Uraufführung war, wird dirigieren; für die vortreffliche Realisierung der für Bernstein-Verhältnisse gewiss ungewöhnlich kühnen, avancierten Musik sorgt das Ensemble Modern gemeinsam mit dem Vocalconsort Berlin und zahlreichen Gesangssolisten.

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