HÖREN : Späte Versöhnung

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Wenn dies ein Personenrätsel wäre, würde es beginnen mit dem Satz „Es gab nichts, was er nicht konnte“. Und dann würden die herausragenden Fähigkeiten dieses Mannes aufgezählt, sein Sinn für die Schönheit abstrakter Formen, sein Engagement in der Breitenbildung und seine Freude am pointierten feuilletonistischen Bericht. Es müsste weiter davon sprechen, dass er eine besondere Gabe für Freundschaften und herzliche kollegiale Beziehungen hatte, dass er sieben Jahre lang eine wichtige Berliner Zeitung leitete, mehrere Bücher schrieb und als Mittdreißiger in Berlin Professor und später Universitätsmusikdirektor wurde. Ach, und dann komponierte er natürlich auch. Wer kann das nur sein, wer hatte solche Fähigkeiten?

Es war nicht Leonardo da Vinci und auch nicht Johann Wolfgang von Goethe, sondern der 1795 geborene Samuel Moses Marx, der sich nach seiner Konversion zum Protestantismus im Jahre 1819 Friedrich Heinrich Adolph Bernhard Marx nannte: Erstbeschreiber der Sonatenhauptsatzform, Beethoven-Aficionado, befreundet mit der Mendelssohn-Familie und natürlich auch bekannt mit deren damals berühmtestem Sprössling, dem jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Leider weigerte sich dieser, Marxens neues Oratorium „Moses“ in Leipzig zur Uraufführung zu bringen. Das Stück feierte seine Premiere stattdessen 1841 in Breslau, und Marx blieb zeit seines Lebens enttäuscht von dem vormaligen Freund.

Am Mittwoch, den 21. August, wird sein Moses nun in Berlin aufgeführt, in der Synagoge in der Rykestraße. Es ist eine schöne Volte der Musikgeschichte, quasi ein ziemlich später Akt der Versöhnung, dass ausgerechnet die Sing-Akademie zu Berlin dieses „dramatische Oratorium“ zu Gehör bringen wird, also eine Tochterunternehmung jenes Berliner Chores, mit dem Mendelssohn 1829 Bachs Matthäuspassion aufleben ließ und dabei gern die Unterstützung seines älteren Kollegen Marx in Anspruch nahm. Neben der Sing-Akademie sind Gesangssolisten zu hören, der Staats- und Domchor sowie die Kammersymphonie Berlin.

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