HÖREN : Treppe ins Nicht-Nichts

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Führt die niemals endende „unmögliche Treppe“ hinauf oder hinunter? Solche Rätsel gibt es auch in der Musik, man denke nur an eine berühmte Szene aus einer Oper von Benjamin Britten, der in diesem Jahr 100 geworden wäre. 1960 feierte sein „Mittsommernachtstraum“ Premiere, ein heiteres Spiel nach William Shakespeare, über das echte und das verzauberte Leben, Frauen und Männer, Tiere und Menschen.

Alles im „Mittsommernachtstraum“ strebt einem großen Hochzeitsfest entgegen, und als dieses Fest endlich gefeiert werden kann, wird zu Ehren des jungen Brautpaares ein Theaterstück aufgeführt. Es sind Handwerker, die das Stück aufführen, und entsprechend der zeitgenössischen Praxis um 1600 sind die weiblichen Rollen mit Männern besetzt. So kommt es also, dass ein junger Mann sich als junge Frau verkleidet, als jene Thisbe nämlich, die zu ihrem Geliebten Pyramus stets nur durch einen Spalt in der Wand Kontakt aufnehmen kann.

Schon bei Shakespeare war aus traurigen antiken Motiven – immerhin sterben sie beide, Pyramus und Thisbe – ein komisches Ding geworden, mit Wortverdrehungen und obszönen Anspielungen, schlechtem Timing und falsch betonten Wörtern. Britten tut seinen Teil dazu, die Szene noch weiter ins Komische zu ziehen. Bei ihm wird die Thisbe von dem Handwerker Francis Flute in Frauenkleidern dargestellt, der von Flöte und Harfe mehr als weiblich begleitet wird und bei seinem/ihrem ersten Einsatz alles falsch macht: zu hoch beginnt, die Korrektur nicht bewältigt, und erst nach einer Weile mit triumphierender Geste in die „richtige“ Tonart und den Zusammenklang mit den begleitenden Instrumenten finden wird.

Wer diese Szene je erlebt hat – am Sonntag wird sie in der Komischen Oper zu sehen sein, bei der Premiere des „Mittsommernachtstraums“ in der Inszenierung durch den Letten Viestur Kairish – wird sich an großes Gelächter erinnern. Doch jetzt die Frage: Worüber genau wird gelacht? Darüber, dass Francis Flute vielleicht gar nicht merkt, dass er falsch singt, während die Damen und Herren der Hochzeitsgesellschaft es sehr wohl wahrnehmen, allerdings ihrerseits nicht wissen (denn das wissen nur wir im Saal), dass sie ja selber auch singen? Oder lachen wir stattdessen ganz allgemein darüber, dass sich hier jemand „einen Aufwand erspart hat, denn Unsinn und Dummheit sind ja Minderleistungen“ (Siegmund Freud), und ist das Lachen deswegen Ausdruck einer „lustvoll empfundenen Überlegenheit“?

Oder lachen wir über den Mann in Frauenkleidern, also den Sänger in der Kittelrolle, der zwei Klischees zugleich bedient, das vom tölpelhaften Tenor und das von der dummen, zaghaften Sopranistin? Überhaupt, lachen wir über den Handwerker – oder über seine Rolle? Über einen Mann – oder eine Frau? Die Antwort heißt natürlich: über alle miteinander, und über alle Geschlechtergrenzen hinweg. Kein Wunder bei dieser reich schillernden Textvorlage und einem Komponisten, der sich in seinen privaten und musikalischen Liebesgeschichten immer wieder über Konventionen hinwegsetzte. Um der Rätseltreppe aber am Ende noch eine Stufe zuzufügen, wollen wir nur noch auf eines hinweisen: Es braucht einen ausgesprochen schlauen, kunstfertigen Tenor, um eine solche Stelle so schön falsch singen zu können.

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