HÖREN : Volles Rohr

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Die Frage ist, wie weit man mit einem Elefantenrüssel kommt. Den Elefantenrüssel gab es neulich auf einem Kinderkonzert in Potsdam, bei dem auch gebastelt werden durfte. Was den Erwachsenen der Fanartikel oder das Programmheft als Reliquie fürs flüchtige Künstlerleben ist, das ist den Jüngeren ihr selbstgebautes Instrument, das sie unter den Arm nehmen und nach Hause tragen können. Ich stellte den Rüssel unter Aufsicht aus einem armlangen Stück Gartenschlauch her und reichte ihn dann in die Kinderrunde weiter. Im oberen Ende des Schlauches steckte ein Röhrchen als Mundstück, drumherum hatten wir mit grauem Krepppapier echte Elefantenhaut gewickelt; an den Tischen nebendran wurden unterdessen Grillen, Schafe und Klapperschlangen gebastelt. Wenn man in den Rüssel hineinbläst, kommt übrigens so etwas wie ein Ton heraus, vielleicht auch nur ein leeres Pusten bei wundgeriebener Oberlippe, das kommt ganz darauf an.

Jedenfalls bedeutet der Besitz eines Rüssels beziehungsweise Gartenschlauchstücks mit Krepppapier schon einmal mehr als das Nichts eines Platzes auf einer langen Warteliste. Die nächstgelegene öffentliche Musikschule hat nämlich eine Warteliste, die bis in die Serengeti reicht, wo die echten Elefanten wohnen. Tatsächlich spricht der Deutsche Musikrat von etwa 10 000 Berlinern, die gegenwärtig auf einen Platz an einer Musikschule warten. Über diesen Andrang braucht man sich nicht zu wundern, schließlich ist kaum etwas so aufwendig und kostbar wie Einzelunterricht am Instrument durch exzellent ausgebildete Musikpädagogen. Viel eher macht die Ausstattung der Musikschulen Sorgen: Das Land Berlin stützt sich geradezu parasitär auf das persönliche Engagement seiner Lehrerinnen und Lehrer. Trotz voller Stundenzahl sind die meisten von ihnen nicht fest angestellt, sondern arbeiten nur als Honorarkräfte. In Zukunft sollen sie nur noch auf Stundenbasis bezahlt werden, nicht wie bisher wenigstens durch monatliche Vergütung, das sogenannte „Durchbezahlen“, das ihren Lebensunterhalt etwa während der langen Sommerferien sichert. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) braucht neben den Protestbriefen, die sie derzeit erreichen, offenbar noch ein paar Stücke Gartenschlauch, damit sie weiß, wie es sich anhört, wenn der Weg zur Musik vorzeitig abgebrochen wird.

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