HÖREN : Von oben herab

Christiane tewinkel

Draußen Regen, aber immerhin befinden wir uns in Berlin, nicht Amsterdam, wo das Wasser aus allen Richtungen kommen kann. 1929 haben die Filmemacher Joris Ivens und Mannus Franken eine Art dokumentarisches Poem über das regnerische Amsterdam verfasst. Der knapp viertelstündige Stummfilm zeigt, wie der Regen auf die Grachten pladdert, die Menschen tragen Schirme, ein Hund springt durch die Pfützen. Hanns Eislers Musik zu diesem Kurzfilm, die seinem Lehrer Arnold Schönberg gewidmete Komposition Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben, hat ihre Wurzeln in einem einzigartigen Projekt: 1940 hatte die New Yorker Rockefeller Stiftung zigtausende Dollar bereitgestellt, um „Versuche mit Filmmusik“ zu ermöglichen. Eisler, der sich seit Anfang 1938 dauerhaft in den USA aufhielt, wurde zum Direktor des „Film Music Projects“ ernannt, für das sich auch der ebenfalls emigrierte Theodor W. Adorno engagierte.

Fast drei Jahre lang widmeten sich Eisler und Adorno der Frage, wie der Filmmusik den Anschluss an die Gegenwart gelingen könnte und ob es möglich sein würde, „das neue musikalische Material auf den Film anzuwenden“, wie die beiden in einer gemeinsamen Auswertung zum Projekt schrieben. Alle Probier-Partituren komponierte Eisler, ob nun für den „Regen“-Film, für Szenen aus Wochenschauen oder aus Spielfilmen. Und alle Studiomusiker waren in besonderer Weise mit „avancierter Musik“ vertraut. In ihrem gemeinsam verfassten Aufsatz „Komposition für den Film“ analysierten Eisler und Adorno im Detail, inwiefern die dritte Nummer der „Regen“-Musik ihre Aufgabe vortrefflich erfüllt.

In diesem Aufsatz von Windstößen, Stoffmarkisen und einem grau verhängten Himmel zu lesen, von Windmotiven oder gekoppelten Klaviersekunden, dazu den alten Film bei Youtube anzuschauen, all das dürfte eine perfekte Beschäftigung sein für einen höchstwahrscheinlich dunklen, verregneten Sonntag.

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