HÖREN : Wir sollten reden

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Das wäre doch mal was, wenn wir hier statt von komplizierten symphonischen Aufbauten von Guckstellen berichteten, von den Stellen in einer Komposition, zu denen sich zwei (meist jugendliche) Orchestermusiker verabreden, „fünf Takte nach Buchstabe G, wir zwinkern uns zu“. Oder wenn wir von Vorspielstellen erzählten, jenen kurzen Passagen aus berühmten Werken, die den Kandidaten beim Probespiel für eine Orchesterstelle gefühlte zweieinhalb Sekunden Zeit lassen, von ungefähr 20 Jahren strengster Ausbildung Zeugnis abzulegen. Oder wenn wir mitten aus dem Kontrapunktunterricht berichteten, über die Architektur von Themen sprächen und den Zauber ihrer Bearbeitung durch den eigenen Bleistift.

Gutes praktisches Wissen also, aber zumeist nicht das Wissen, das bis zu den Konzertgängern gelangt. Es sei denn, sie treffen auf eine besondere Spezies, nämlich den Musikpraktiker, der zugleich Musiknachdenker ist, im besten Sinne Musiktheoretiker. Solche „wissenden Künstler“, die für das Publikum oft außerordentlich anziehend sind, gibt es immer wieder: Guido von Arezzo um 1000, Leonard Bernstein um 1960, Alfred Brendel noch heute. Und natürlich der Geiger und Autor Daniel Hope, der gegenwärtig wohl erfolgreichste Prototyp des wissenden Künstlers. Hope ist kein Zauberer an der Geige, noch nicht einmal ein Paganini. Er spielt einfach nur sehr gut, und fast noch besser spricht er über das, was er da tut.

Am Mittwochabend tritt Hope in der Kirche Fürstenhagen im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern auf, mit Musik von Schubert und Tschaikowsky, gemeinsam mit Benjamin Beilman (ebenfalls Geige), David Finckel und Niklas Schmidt ( Violoncello) sowie Wu Han und Juho Pohjonen (Klavier). Und mit dem Klarinettisten Matthias Schorn, dem Artist in Residence des Festivals.

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