Kultur : Höret, wie das Volk erklingt

Mutmacher in schweren Zeiten: das Musical „Les Misérables“ im Berliner Theater des Westens

Frederik Hanssen

Was wäre wohl passiert, wenn Bob Wilson dem Stage-Holding-Chef Joop van den Ende vorgeschlagen hätte, aus Georg Büchners „Leonce und Lena“ ein Musical zu machen, eine perfekt choreografierte Traumwandler-Show mit Musik von Herbert Grönemeyer? Der holländische Multimillionär, der als TV-Unterhaltungsanbieter reich wurde, hätte wohl sein charmantes Lächeln gelächelt und abgewunken. Nein, für seine Stage Holding, die nach dem Zusammenbruch des Konkurrenten Stella in Deutschland fast zum Musicalmonopolisten aufgestiegen ist, sei das wohl nichts.

Der 51-jährige Entertainmentmogul wirkt zwar durchaus feingeistig (und für die Branche überraschend bescheiden), über seine Zielgruppe aber macht sich Joop van den Ende keine Illusionen. Um im frei finanzierten Bühnenbusiness bestehen zu können, braucht er extrem robuste Stücke, tönende Hardware, die problemlos 50 Millionen Besucher verträgt.

So wie „Les Misérables“, das Revolutionsdrama nach Victor Hugo, das seit 1985 in 213 Städten 36 000 Mal über die Bretter ging und mit dem die Stage Holding jetzt ihre 15-jährige Pachtzeit im Berliner Theater des Westens einläutet. Die Leute nämlich, die Joop van den Ende bedient, sind keine typischen Theatergänger, sondern Menschen, die normalerweise eher ins Kino gehen. Darum stört es sie auch nicht, dass moderne Musicals überall gleich aussehen. Wer „Les Misérables“ in London gesehen hat (wo das Stück seit 18 Jahren ununterbrochen läuft), kann sicher sein, dass es in New York haargenau so gezeigt wird wie in Shanghai oder zuletzt in Duisburg. Was den Theater-Liebhaber verwirrt, wird vom Lichtspielhaus-Habitué geschätzt: „Casablanca“ will man ja auch nicht jedes Jahr in einer Neuverfilmung sehen. Darum wird Bob Wilsons einmalige Ausleuchtung von „Leonce und Lena“ am Berliner Ensemble bejubelt – und der Klon von „Les Misérables“ im Theater des Westens.

Zum Corporate Design der Stage Holding gehört nicht nur, dass ihre Häuser in einer einheitlichen optischen Linie gestaltet sind – weshalb bei der zehn Millionen Euro teuren Umgestaltung des Berliner Muscialtempels das Deckengemälde übermalt und die Wände im firmenüblichen Rot-Ton gestrichen wurden). Van den Endes Bestreben ist es auch, seinem Publikum den Eindruck eines Hochkulturerlebnisses zu vermitteln. „Wenn ich Gäste erwarte, stelle ich doch auch frische Blumen hin“: So erklärt der Manager, warum er jede Spielstätte mit zeitgenössischer Kunst aus seiner Privatsammlung dekoriert. Eine „art atmosphere“ will er kreieren, der edle Duft des Exklusiven soll die Gänge durchwehen. Das Publikum möge dem Rechnung tragen, in dem es sich schick macht, findet van den Ende.

Und noch einen Wunsch hat er: dass seine Darsteller als Stars gefeiert werden. So wie die Helden der Leinwand. Beim Casting für Berlin hat man sich bemüht, möglichst viele deutsche Kandidaten zu finden. Es gehört zu den erklärten Unternehmenszielen, dass jeder Bundesbürger baldmöglichst auf Anhieb zehn nationale Musical-Berühmtheiten nennen kann. Das wird wohl eine schöne Hoffnung bleiben – denn rentabel lassen sich Musicals nur betreiben, wenn sich achtmal pro Woche der Vorhang hebt. Das aber geht nur, wenn die Mitwirkenden im Schichtbetrieb arbeiten.

Es wäre darum unfair, an dieser Stelle einzelne Namen aus der hochklassigen Premierenbesetzung hervorzuheben. Schließlich kann kein Kritiker wissen, ob der geneigte Leser dieselbe Truppe zu hören bekommt, wenn er sich denn entschließt, eines der ziemlich teuren Tickets (27 bis 85 Euro) zu erwerben. Was sich der Rezensent hingegen mit gutem Gewissen erlauben darf, ist das Lob der Professionalität aller Mitwirkenden. Mag auch jede Menge Technik dahinter stecken – der Beginn der Premiere verzögerte sich wegen eines Defekts der Drehbühne um gut eine Stunde –, wenn „Les Misérables“ erst einmal läuft, schnurrt der dreistündige Abend ab wie das sprichwörtliche Schweizer Uhrwerk.

Produzent Cameron Macintosh erzählte im Vorfeld der Premiere, wie stolz er war, als er seine erste Adaption des Stücks in Norwegen herausbrachte und in der Presse dafür gelobt wurde, es sei eine „echt amerikanische Show“ geworden. Darin nämlich liegt die Herausforderung des Genres, dem der Weg der Interpretation verschlossen ist: mit lokalen Leuten eine täuschend echte Kopie herzustellen.

In Berlin ist es gelungen: Die gesamte Crew hat internationales Niveau. Der Rest ist Geschmackssache. Abgesehen von einem dramaturgischen Durchhänger im zweiten Teil wird die Story um den herzensguten Jean Valjean, der versucht, in schweren Zeiten integer zu bleiben, ebenso rasant wie nachvollziehbar erzählt. Die Optik ist spektakulär und unzweideutig, mit maßgeschneidertem Fetzen-Look fürs Lumpenproletariat und opulentem Operetten-Ornat für die Hochzeitsgesellschaft zur bittersüßen Schlussapotheose. Dazu lässt Komponist Claude-Michel Schönberg, der mit seinem Librettisten Alain Boubil auch „Miss Saigon“ zu verantworten hat, vom 25-köpfigen Live-Orchester eine Musik spielen, die große Oper mit den musikalischen Mitteln des Chansons anstrebt und in einem ziemlich quadratisch gezimmerten, aber ohrwurmigen Marsch kulminiert.

In der Übersetzung von Heinz-Rudolf Kunze tönt das so: „Hört ihr, wie das Volk erklingt / von unsrer Wut erzählt der Wind. / Das ist die Sinfonie von Menschen, / die nicht länger Sklaven sind!“ Mindestens ein Jahr lang werden diese Zeilen allabendlich das Theater des Westens erschüttern.

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