Kultur : Hörgalerie Singuhr: Neue Klanginstallationen in der Berliner Parochialkirche

Volker Straebel

Nur wenige der immerhin 21 Klanginstallationen, die die Hörgalerie Singuhr seit 1996 im Turm der Parochialkirche präsentiert hat, reagierten so schlüssig auf die Architektur des Ausstellungsraumes wie die aktuelle Arbeit von Johannes Oberthür und Martin Supper. Die "Stillegung" der beiden Querarme des Glockengewölbes mit T-förmigem Grundriss durch zwei sehr unterschiedliche Barrieren aus Altbaufenstern greift, wie zuvor nur Dirk Schwibberts "Zwölf Gläser", die Geometrie des Raumes konsequent auf. Johannes Oberthür, der seit sechs Jahren bevorzugt mit alten Fenstern arbeitet, trennte mit einer transparenten Wand aus 14 seiner Fundstücke das rechte Gewölbe vom Zentralraum ab. So entsteht einerseits ein von außen lichtdurchfluteter Raum von geradezu skulpturaler Qualität, andererseits ein Bewusstsein für das Fenster als Öffnung und Grenze. Der linke Querarm bleibt hingegen hinter einer Mauer wild übereinandergetürmter Fenster verborgen, die den gesamten Gewölbebogen ausfüllen. Hier lässt nur das durch die Ritzen zwischen den quer geschichteten Fensterrahmen dringende Licht den Raum dahinter ahnen.

Mit diesem Gegensatz aus Offenlegen und Verbergen korrespondiert die in ihrer Einfachheit komplexe Klangarbeit von Martin Supper, Leiter des Studios für Elektroakustische Musik der Hochschule der Künste. Aus dem durch die Fensterfront einsehbaren Raum dringen drei statische Sinustöne, die ein dreidimensionales Netz aus stehenden Wellen und leicht schwankenden Schwebungsmustern erzeugen. Davon setzen sich kurze, von langen Pausen getrennte, spröde Klanggesten ab, die aus der opaken Fensterwand dringen. Auf zwei der hier gestapelten Fensterscheiben hat Supper Klangübertrager ("Transducer") montiert und nutzt damit das Glas als Lautsprecher. Dabei prägen die Fenster den sprachähnlichen perkussiven Ereignissen ihre eigenen Klangeigenschaften auf. So dienen in der "Stillegung" die Fenster als visuelle wie akustische Membran. Klang- und Raumkunst bedienen sich in überzeugender Annäherung des gleichen Materials.

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