Hörspiel : Haste Töne

Stefan Kaminskis tolles Hörspiel "Rheingold" im Deutschen Theater.

Matthias Nöther

Der Tarnhelm ist ein roter Zahnputzbecher. Durch ihn hat sich der fiese Nibelung Alberich in einen riesigen Drachen verwandelt. Der braucht weder Bühnennebel noch Theaterdonner, um in der Box des Deutschen Theaters zu erstehen. Stefan Kaminski, zierliche Figur, steigt in Jeans und T-Shirt auf seinen Drehstuhl und schlägt sich auf die Brust. Die junge Fangemeinde des Schauspielers und Hörspielspezialisten versteht das Zitat sofort. Die Geste ist eine Reminiszenz an das erfolgreiche „King-Kong“-Livehörspiel vom letzten Sommer. Doch in Kaminskis aktueller Adaption, Richard Wagners „Rheingold“, ist körperlicher Einsatz die Ausnahme.

Die optischen Mittel reichen aus, um die Hörfantasie der Zuschauer in die richtige Richtung zu stupsen. Ein bohrender Blick ins Publikum, ein kurzes Zusammenkneifen des linken Auges, mehr nicht. Kaminski wird zu Wotan, der sein Auge für die Weisheit opfert. Pathetisches Knödeln vollendet das Porträt des Göttervaters. Nur mit der Stimmer formt Kaminski noch zehn weitere Rollen des eigentlich bildseligen Vorabends zum „Ring des Nibelungen“.

Der Schauspieler verweigert den Zuschauern nicht nur die Bilder, sondern auch die Musik. Hella von Ploetz an Glasharfe und Donnerblech, Sebastian Hilken an Kontrabass und Schlagzeug helfen Kaminski eher, sich zum Herrn über eine Batterie von Stimmen und Geräuschen aufzuschwingen, die den Zuschauer umgeben wie Wasserdampf in einer Dampfsauna.

Kaminskis „Rheingold“ ist weit mehr als nur ein minimalistischer Gegenentwurf zu den Materialschlachten herkömmlicher Wagneraufführungen. Kaminski filtert aus dem „Rheingold“ großstädtische Gegenwart heraus und setzt sie neu zusammen. Er macht den Mythos zu einer Plattform, auf der er seine eigene Kunst ausbreitet – subtil und nah an der Wirklichkeit.

Wie Kaminski die Riesen Fasolt und Fafner mit den Stimmen von Berliner Bauarbeitern versieht, sowie mit der immerwährenden Angst des „kleinen Mannes“, übers Ohr gehauen zu werden, ist schauspielerische Luzidität. Die wird auch bei der Intendanz des Deutschen Theaters immer höher geschätzt: Wegen des großen Erfolgs zieht Stefan Kaminski jetzt in die Kammerspiele um. Matthias Nöther

Wieder morgen und am 13.3., 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar