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Warum die FDP ein Sprachproblem hat

Bodo Morshäuser

Viel wurde über den Absturz der FDP geschrieben, doch eine Ursache ist noch nicht berücksichtigt worden: Die FDP hat ein Sprachproblem, und sie hat ein Sprechproblem. Seit Westerwelle Außenminister ist, betont er seine Sätze auf eine Art, die zeigen soll: Jedes Wort ist wichtig. Mehr noch: Jedes Wort ist gleich wichtig. Endlich sagt einer, was ist. Denkwürdig sein Zuruf zu den Journalisten beim nordrhein-westfälischen Landesparteitag: „Ihr! Kauft! Mir! den Schneid! Nicht! ab!“ Ein Satz, sieben Wörter und sechs Betonungen. Nur „den“ konnte er nicht recht hervorheben, entweder musste er zwischendurch atmen, oder er hob sich die siebensilbige Betonung eines siebensilbigen Sätzchens für später auf, als Steigerung. Zugegeben, dies war ein Sonntagssatz, Westerwelle in Höchstform. Seine normale Hochform äußert sich seit längerem darin, dass er ziemlich unabhängig davon, was er sagt, die letzte Silbe eines jeden Satzes betont. Aus „Ich werde nach Hause kommen“, wird „Ich werde nach Hause kommen.“ Das signalisiert Dringlichkeit.

Wie wichtig der Außenminister sich nimmt, zeigt er seither mit jedem Wort. Nur ein Miesmacher denkt dabei, wer sich so wichtig gibt, hegt den Selbstverdacht, er werde nicht ernst genommen. Westerwelle hat in seiner Amtszeit derart viele Silben betont, dass man meinen könnte, er betont für den ständig Silben verschluckenden Brüderle mit. Der neue Vorsitzende Rösler hat die Westerwelle- Intonation übernommen. Worte wie Europa, Schulden, Einschnitte verschluckt er schon mal, um beim nachgestellten Verb dann mächtig auf die Tube zu drücken. Nur Miesmacher kommen hier auf die Idee, er spüre, nicht ernst genommen zu werden und intoniere auf Teufel komm raus, um den Eindruck zu erwecken, er könne durchsetzen, was er gerade sagt.

Das Problem der FDP ist nun, dass der Fernsehkonsument dies alles sieht, merkt, spürt. Auch wenn man im Fernsehen nicht versteht, was einer sagt, so sieht man doch an Gestik und Mimik, so hört man an Wortwahl und Intonation, ob dies alles zueinander passt und ob der Sprecher zu seinen Worten stehen könnte, wenn es darauf ankäme. Wie Aphasiker es können, so kann man durchaus, ohne einen Inhalt zu verstehen, sehen, ob jemand lügt, ob jemand bei der Sache ist, ob jemand weiß, was er sagt. Das Problem der FDP ist, dass man sie hört und sieht.

Bodo Morshäuser lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman „Beute machen“ (Suhrkamp, 2006).

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