Kultur : Hof zum Himmel

Innen ist außen: Frankfurts Architekturmuseum entdecktden asiatischen Baumeister Geoffrey Bawa

Christian Huther

Geoffrey Bawa stellt die Natur gerne ins Zentrum eines Entwurfs und baut das Haus drumherum. Das Gebaute soll die Natur nicht verdrängen, sondern umarmen, so etwa in einem seiner berühmtesten Bauten, dem Kandalama Hotel in seiner Heimat Sri Lanka. Bawa errichtete es 1991 auf einem großen Felsen, so dass sich die 160 Zimmer um zwei Seiten des Felsbrockens winden. Der tektonische Bau selbst ist unauffällig; erst im Zusammenspiel mit dem Felsen und der Vegetation gewinnt er an Reiz.

Das Ineinanderfließen von Außen- und Innenraum ist typisch für Bawa, der zu den bedeutendsten Architekten Asiens zählt. Außerhalb seiner Heimat baute der 1919 Geborene bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr nur wenig. Dabei war er ein exzellenter Kenner europäischer Architektur. Promoviert hatte er in London über Balthasar Neumann.

Erstmals wird Bawas Gesamtwerk nun im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main präsentiert. Neben Plänen, Fotos und Modellen sorgen Möbel, Teppiche, Lampen, Stoffe und Kunsthandwerk für ein tropisches Ambiente.

Der Besucher begreift schnell: Bawa hatte vollkomen andere Vorstellungen von einem Haus als europäische Architekten. Für ihn bestand es aus offenen Räumen ohne Wände, mit zum Himmel geöffneten Höfen und schattigen Veranden. Schon bei seinem Haus für Ena de Silva in Sri Lankas Hauptstadt Colombo entwarf er um einen zentralen großen Hof mehrere Pavillons und kleine Lichthöfe. Bawa wollte nicht einfach bauen, sondern Landschaft gestalten. Deshalb stand die Analyse des Grundstücks immer am Beginn seiner Arbeit. Da kam es auch vor, dass er die Bauherren davon überzeugte, den Bauplatz zu verlegen. Das eingangs erwähnte „Kandalama Hotel“ etwa sollte erst in der Nähe einer Zitadelle errichtet werden; jetzt thront es majestätisch über ihr.

Auch das Jahre später entstandene „Lighthouse Hotel“ in Galle steht auf einem felsigen Vorsprung zwischen der Hauptstraße und dem Ozean: eine Mixtur aus lokaler Tradition und internationaler Moderne. Regionalismus war für ihn kein Schimpfwort. „Regionalismus ist das, was sich von selbst ergibt“, meinte er 1990 lapidar.

Verblüffend auch, mit welch einfachen Mitteln Bawa schon 1976 in Colombo das weltweit erste bioklimatische Hochhaus ermöglichte. Mit der Ausrichtung der Hauptfassade nach Norden reduzierte er die Einstrahlung des Sonnenlichts, mit tiefen Bogenwinkeln sorgte er für ausreichende Belüftung. So kam der zwölfgeschossige Bau lange Zeit ohne Klimaanlage aus. Bawas eigenes Haus in Colombo besteht aus vier ehemaligen Reihenhäusern, die er in eine labyrinthartige Flucht von Räumen, Lichthöfen, Terrassen und einem Turm verwandelte. Seinen Wunschtraum aber realisierte er in Lunuganga, etwa 60 Kilometer südlich von Colombo. Dort baute er von 1948 bis 1997 an seinem Paradies auf Erden. Diesem Zufluchts- und letztem Ruheort ist in Frankfurt eine komplette Etage gewidmet. Von Bawas unverkrampftem Umgang mit Historie und Gegenwart können die Europäer nur lernen.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main, bis 17. 10. Katalog 12 €.

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