Kultur : Hoffen auf den Regenmann

FREDERIK HANSSEN

Wer wiedererkannt werden will, braucht heutzutage einfach einen Jingle.Für den neuen Kulturstaatsminister und Hoffnungsträger der spargeplagten Berliner Kultur, Michael Naumann, böte sich zum Beispiel der gute alte Schlager an vom "Tag als der Regen kam".Als "langersehnt, heißerfleht" wird dieser erquickende Niederschlag da beschrieben, der "glühenden Feldern" und "durstigen Wäldern" - blühenden Landschaften? - neue Lebenskraft schenkt.Eine treffliche Erkennungsmelodie wäre das für den Mann, auf dessen großen Geldbeutel die finanziell ausgedörrten Institutionen der Hauptstadt hoffen.Und wohl auch sein politischer Gegner und Berliner Amtskollege, Peter Radunski - denn der droht bei den derzeitigen Haushaltsberatungen für das Jahr 1999 im Abgeordnetenhaus einen Super-GAU auszulösen.Nach der letzten Sitzung des mächtigen Unterausschusses Theater am Montag wurde die für heute geplante nächste Zusammenkunft des Gremiums kurzerhand abgesagt und die Kulturverwaltung aufgefordert, bis zum 2.November ersteinmal fehlende Unterlagen beizubringen.

"Die ganzen Haushaltsberatungen im Bereich Kultur waren bisher eine einzige Katastrophe", kommentiert der stellvertretende Vorsitzende des Unterausschusses, Klaus Wowereit (SPD).Bei dem Versuch, die Abgeordneten mit Zahlenspielereien darüber hinwegzutäuschen, daß in seinem Etat für das kommende Jahr nach SPD-Schätzungen ein Defizit-Risiko von 70 Millionen steckt, habe Radunski selber die Übersicht verloren.Schon das laufende Haushaltsjahr wird eine ganze Reihe von Theatern mit Defizit abschließen: Nicht nur die Deutsche Oper, deren geschäftsführender Direktor André Schmitz sogar optimistisch ist, 1998 eine halbe Million Mark mehr vom Schuldenberg abzutragen als vorausgesagt, sondern auch das Carrousel-Theater, dessen Zuwendungen in diesem Jahr niedriger lagen als die Personalkosten, vor allem aber das Deutsche Theater, das mit einem Minus von 4,7 Millionen Mark rechnet.Alice Ströver von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hält das für einen Skandal: "Setzt man die Summe in Verhältnis zum Gesamtzuschuß, ist das vergleichbar mit der Deutschen Oper." Durch eine "schöngerechnete" Prognose bei den letzten Haushaltsberatungen sei das Parlament bewußt "hintergangen worden".

Auch Wowereit findet das Verhalten von DT-Intendant Langhoff unverantwortlich: "Hemmungslos" habe er etwa die Zahl der Produktionen der Baracke entgegen den Vorgaben des Senators von vier auf acht erhöht: "Das hat sich bislang keiner erlaubt."

Grotesk findet der SPD-Mann auch Radunskis Trick, sein Versprechen, bis zur Jahrtausendwende 100 Millionen Mark in seinem Etat einzusparen, durch "Scheinabsenkungen" im 99er-Haushalt erfüllen zu wollen: So soll beispielsweise das Berliner Philharmonische Orchester auf dem Papier nur noch 19 statt 24 Millionen erhalten.De facto aber würde Abbados Musikern bereits 1998 der Differenzbetrag ausgezahlt, den sie als "unerwarteten Gewinn" ins kommende Haushaltsjahr übertragen könnten - mit unabsehbaren Folgen für die Zukunft, wie Philharmoniker-Intendant Weingarten befürchtet.Denn wenn erst einmal 19 Millionen im offiziellen Etat stehen, könne jeder künftige Berliner Senat die "Scheinaufstockung" des Etats verweigern.

Das Geld für diese Transfers will Radunski aus den 1998 nicht verbrauchten Zuschüssen für das geschlossene Metropol-Theater nehmen.15,5 Millionen Mark sind davon noch übrig, weitere zehn Millionen will der Senator 1999 dem 25-Millionen-Etat des Operettenhauses entnehmen und dafür das Theater erst am 1.September 1999 aufmachen.Zwar ist die SPD bereit, dieses haushaltsrechtlich zweifelhafte Spielchen mitzumachen, um die Gelder für die Kultur zu retten, doch Wowereit macht klar, daß zunächst die 1998er Defizite beglichen werden müssen: "Wenn sich der Kultursenator von Götz Friedrich und Thomas Langhoff in dieser Weise auf der Nase herumtanzen läßt, muß er auch die Zeche zahlen."

Zu allem Überfluß müßte Radunski aus dem Metropol-Fonds eigentlich auch noch jene zehn zusätzlichen Millionen Mark für Hauptstadt-Kulturleuchttürme entnehmen, die ihm der Bund als Gegengabe für die 60 Millionen Mark 1999 abfordert.Dieses Geld sollte zum Beispiel den Staatsopernetat um real drei Millionen Mark aufstocken.Gefragt, ob er mit der gleichzeitigen Reduzierung der Komischen Oper um dieselbe Summe eine kulturpolitische Linie verfolge, antwortete der Senator nur, er wolle zu seinen Zusagen an Daniel Barenboim stehen - so berichtet der SPD-Kulturpolitiker Nikolaus Sander.Albert Kost, der Intendant der Komischen Oper, findet das gar nicht komisch.Ebensowenig wie die Haushaltssperre, die Radunskis Verwaltung ihm letzte Woche auferlegte, nachdem er sich geweigert hatte, einen ausgeglichenen Haushalt vorzutäuschen."Wir dürfen nicht für unsere Sparanstrengungen der letzten vier Jahre bestraft werden", sagt Kost.In seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Wut und Verzweiflung mit."Bei uns ist Matthäi am letzten." Jede Mark weniger werde sich direkt als Defizit niederschlagen.Anders als Georg Quander von der Staatsoper, der im Fall von Kürzungen androht, ab Herbst 1999 die Premierenfrequenz auf Null herunterzuschalten, will Kost auf keinen Fall die Berliner Spitzenreiterposition der Komischen Oper bei der Zahl der Aufführungen aufgeben: "Man darf uns nicht auch noch die Motivation nehmen."

Die finanzielle "Knebelung" (Wowereit) der Komischen Oper will die SPD unbedingt verhindern.Für die Berliner Symphoniker müssen laut einstimmigem Kulturausschuß-Beschluß 6,4 Millionen Mark aufgetrieben werden, die Deutsche Oper braucht noch 1998 die versprochene Nachzahlung für Tariferhöhungen in Höhe von weiteren sechs Millionen Mark, um zahlungsfähig zu bleiben.Peymanns Berliner Ensemble will Radunski über Projektmittel 1999 2,4 Millionen Mark zusätzlich zu den 21 Subventionsmillionen spendieren - da wird dem Senator nichts anderes übrig bleiben, als im nächsten Jahr ganz auf die Wiedereröffnung des Metropol-Theaters zu verzichten, wenn er seinen Etat durchs Abgeordnetenhaus bringen will, glaubt Wowereit - es sei denn, Radunski überredet Michael Naumann, schon 1999 zusätzliche Bundesmillionen für Berlins Kultur herauszurücken.

Es steht zu befürchten, daß der neue Kulturstaatsminister den Jingle vom warmen Geldregen nach ersten Erfahrungen mit der Hauptstadtpolitik schnell wieder gegen eine andere Erkennungsmelodie wird eintauschen wollen.Wie wäre es mit dem "Alten Häuptling der Indianer"? Der seufzt doch so lebensweise: "Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf.Uff."

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