Kultur : Hoffen auf die Söhne

Cristina Moles Kaupp

Eine Schar Männer irrt durch schroffes Ocker und steiniges Grau. Sie sind Lehrer, tragen Wandtafeln auf dem Buckel und suchen lärmend nach Schülern. Wie eine Schar Krähen muten sie an, dunkle pulsierende Punkte inmitten einer gottverlassenen, gefährlichen Gegend - der Weg führt durch das noch immer verminte Grenzgebiet zwischen Iran und Irak. Bildung kostet hier nur einen Kanten Brot, doch wozu? Wer Hunger buchstabieren kann, hat ihn noch lange nicht bezwungen.

Eben dieses Missverhältnis thematisiert die Iranerin Samira Makhmalbaf in ihrem zweiten Spielfilm "Schwarze Tafeln". Als Tochter des renommierten Regisseurs Mohsen Makhmalbaf ("Reise nach Kandahar") geht ihr das Filmemachen beeindruckend leicht von der Hand. Vor drei Jahren begeisterte ihr Debüt "Der Apfel", die Begegnung mit zwölfjährigen Zwillingsschwestern, die von ihren einfältigen Eltern jahrelang wie Tiere eingesperrt wurden. Ein authentischer Fall, den Samira Makhmalbaf sinnbildlich für iranische Verhältnisse präsentierte - dokumentarisch und poetisch zugleich.

In "Schwarze Tafeln" wählt die erst 21-jährige Regisseurin eine ähnliche Bildsprache, aber einen anderen Weg. Er führt aus der familiären, städtischen Enge in unwegsames, karges Gelände zu inszenierten Episoden, von denen ihr der Vater erzählte. Zwei Figuren scheren aus dem Lehrerpulk aus - Reboir und Said. Naiv und eifernd in ihrer Mission kletten die beiden selbst auf die steilsten Berghänge. Dort wird Reboir schmuggelnde Kinder aufstöbern, und Said eine Gruppe alter kurdischer Nomaden. Vor ihrem Tod wollen sie noch einmal in die irakische Heimat.

Nüchtern, fast ironisch verfolgt Makhmalbaf das Bemühen Saids, bei den Nomaden Unterschlupf zu finden. Dafür nimmt er sogar eine Blitzheirat mit Halaleh in Kauf, die ihren kranken Vater mit ihrem Kind zur Grenze begleitet. Als einzige Frau im Film verliert sie wenig Worte und misst der Heirat keine Bedeutung bei. "Ich bin wie ein Bahnhof", sagt sie, "die Züge kommen und gehen. Nur mein Sohn wird bleiben." Wie die sturen Alten will Halaleh vom Kopfrechnen und Alphabet nichts hören. Anders die schmuggelnden Kinder, deren Neugier im mörderischen Alltag erstickt: Wenn sie Pech haben, werden sie von den Kugeln der Grenzer erwischt.

Bleiben die Lehrer, von Makhmalbaf als seltsam weltfremde Idealisten gezeichnet. Ihre Tafeln, gedacht als Symbol für das kulturelle Erbe einer Zeit vor dem Krieg, haben sie wie Schwingen umgeschnallt. Nur zum Abheben in eine neue Zeit kommt es nicht. Statt Wissen zu vermitteln, dienen die Tafeln letztlich zur Tarnung, als Schutzschild, Beinschiene, Bahre und als Trennwand zwischen Mann und Frau. Schön und eindringlich, diese Bilder. Aber auch laut. Viel zu laut.

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