Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod : Das große Danach

Wer reich war und mächtig, konnte schon immer dafür sorgen, dass sein Name nach dem Ableben nicht sofort in Vergessenheit geriet. Künstler waren den Herrschenden dabei beliebte Helfer. Doch auch bei Malern und Bildhauern keimte bald der Wunsch, im Gedächtnis der Allgemeinheit weiterzuleben. Wie sie dabei vorgingen, erzählen zwei Kunstwissenschaftlerinnen jetzt in dem Band „Der Künstler und sein Tod: Testamente europäischer Künstler vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert“

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Der Leibhaftige.
Der Leibhaftige.Foto: mauritius images

In ihrer jenseitigen Wohnung fehlte es manchen Ägyptern an nichts. Wie im wirklichen Leben gab es Speisen und Gefäße, sogar Krüge mit Bier. Zwischen prachtvoll bemalten Wänden fanden sich Öllampen, Stühle und Betten, es gab Salben, Kosmetika und Spiegel, kostbare Kleidung, Dolche, Schwerter, schützende Amulette und, falls Arbeit anfiel, eine kleine Dienerschaft. Allerdings hatte das Ticket in dieses gute Jenseits seinen Preis. Neben der Luxusausstattung benötigte man einen teuren Papyrus, der heute oft „Totenbuch“ genannt wird, wörtlich übersetzt aber das „Buch vom Herausgehen am Tage“ heißt. Wer es besaß und über den Inhalt Bescheid wusste, der konnte tagsüber die Grabstätte verlassen, musste allerdings Nacht für Nacht mit dem Schiff des Sonnengottes zurück in die andere Welt. Der Tod in Ägypten war eine Klassenfrage mit Palästen und Hütten.

Auf allen Kontinenten fanden und finden Archäologen in alten Gräbern Beigaben wie Speisen, Waffen oder Amulette: Beweise dafür, dass Vorstellungen von einem Jenseits, in dem Leib oder Seele oder beides weiterleben, nahezu universell sind. Keine Kränkung ist unausweichlicher und stärker als das Bewusstsein der Endlichkeit. Was immer sie geliebt, erarbeitet, erworben haben, müssen die Sterblichen zurücklassen. Und keiner, der gegangen ist, konnte je berichten, wie es aussieht im Großen Danach. Auch die Pharaonen waren auf den Papyrus angewiesen; mit Zeugen sprechen konnten sie nicht.

Am christlichen Osterfest wird eine neue, andere Geschichte erzählt. Am dritten Tag nach seiner Hinrichtung an den gekreuzten Holzbalken ist Jesus als Christus auferstanden, lebendig wandelt er unter den staunenden, schockierten Jüngern und Verehrerinnen umher. So konkret ist der Beweis der Wiederkehr des bereits Bestatteten, dass etwa der Evangelist Lukas über die Jünger berichtet: „Sie erschraken aber und fürchteten sich, meinten, sie sähen einen Geist.“ Jesus beschwichtigt: „Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Sehet meine Hände und meine Füße: Ich bin’s selber.“ Den zweifelnden Thomas, schreibt der Evangelist Johannes, fordert Jesus auf: „Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche dein Hand her und lege sie in meine Seite, sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Am See Tiberias verspeisen die Jünger mit Christus gemeinsam Fische, und er erteilt, wo immer er sich ihnen zeigt, Missionsaufträge: „Weide meine Schafe!“, „Folge mir nach!“ Und Paulus schreibt an die Korinther: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden.“

Urchristen tauften meist große Gruppen erwachsener Konvertiten, ihr Angebot stand allen offen, Knechten wie Königen, Dirnen wie Fürsten. Alle Getauften dürfen auf Auferstehung hoffen, nicht nur Privilegierte. War die Welt für die einen ein Jammertal, blieb die Hoffnung auf ein besseres Jenseits, eine Sphäre des ewigen Trostes, zu der Karl Marx bemerkte, sie sei Indiz für irdische Missstände. „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks“, erklärte der Philosoph. „Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“

Das erklärt einiges, aber nicht alles. Die Kränkung der Endlichkeit, von der allein Kinder noch keinen Begriff haben, blieb davon unberührt. Mit ihr geht die antizipierte narzisstische Kränkung des Vergessenwerdens einher. Es wird nichts bleiben, wenn ich nicht mehr bin, Ruf, Ruhm und Name werden verschwinden: Das machte Angst. Daher waren auch mächtige, fromme Amtsträger wie Päpste und Kaiser darauf bedacht, zu Lebzeiten für ihren Nachruhm zu sorgen, mochten sie noch so sehr auf dem Hochplateau der Gesellschaft angesiedelt sein, fern vom Jammertal der Armen.

Ihre Helfer waren die Künstler, die Bildhauer, Baumeister und Maler, teils fest an ihren Höfen angestellt. Als bezahlte Verewiger sollten sie sicherstellen, dass Porträt oder Skulptur, Grabplatte oder Grabmal künftigen Generationen davon künden, wer hier einmal Bedeutendes geleistet, gestiftet hatte.

Das Werk des Künstlers, der „soli deo gloria“, Gott allein zur Ehre arbeitete, blieb zunächst anonym. Ganze Schulen arbeiteten mit, auf die individuelle Handschrift kam es weniger an als auf den Inhalt. Wo sie selber vor ihr Werk traten – wie Michelangelo Buonarroti, „il divino“, der heilige Schöpfer der Sixtina –, begannen sie, ihre Werke zu signieren . Michelangelo, dessen Handschrift bekannt genug war, signierte einzig seine Pietà, angeblich weil sie fälschlich einem anderen Meister zugeschrieben worden war. Wohl damit nichts Unvollendetes übrig bleibe, verfügte er, dass seine Skizzen und Zeichnungen nach seinem Tod verbrannt werden sollten.

Wie intensiv sich Künstler mit ihrem Nachruhm und Nachleben befassen, das erkundet ein kunsthistorischer Band, der eine gesamte neue Quellengattung erschließt: „Der Künstler und sein Tod: Testamente europäischer Künstler vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert“ (hg. von Nicole Hegener und Kerstin Schwedes, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 2012). Die zur Ehre Gottes und zum Ruhm mächtiger Personen geschaffenen Werke sollten mehr und mehr auch die Unsterblichkeit dessen verteidigen, der sie hervorgebracht hatte. Und wie ihre Signaturen zeugen die Testamente der Künstler davon, wie sich die Konzepte von Erinnerung, Erinnertwerden, Weiterwirken und Selbstverständnis im Lauf der Jahrhunderte verändert haben. Testamente, so die Herausgeberinnen, „sind Selbstzeugnisse an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod“, sie sind „Schriftstücke des Übergangs.“

Vom Spätmittelalter über Renaissance und Barockzeit bis ins 19. und 20. Jahrhundert lässt sich deutlich nachvollziehen, wie sich die Vorsorge fürs Nachleben auch bei Gläubigen oft pragmatisch gestaltet. Um nach dem Tod Gutes zu bewirken und um erinnert zu werden, verfügte der niederländische Maler Marten van Heemskerck 1572, dass aus seinem Erbe jährlich „zwei unbescholtenen Mädchen die Mitgift für ihre Eheschließung auszuzahlen sei, vorausgesetzt, dass der Gatte kein Trinker ist und unter der Bedingung, dass die Paare auf seinem Grabe heiraten müssen“. Heemskerck fantasierte sein Weiterleben nach dem Tode als eine Serie froher Hochzeiten, an der der Verstorbene quasi den Trauzeugen spielte.

Don Giulio Clovio (1498–1578), ein Meister der Miniaturen, angestellt am römischen Hof des adeligen Kirchenfürsten Alessandro Farnese, wünschte sich für sein akribisch gestaltetes Stundenbuch einen speziellen Schauschrank. Das Buch sollte öffentlich einsehbar sein. Clovio, der „kleine Michelangelo“, dem Nicole Hegener ein faszinierendes Kapitel widmet, wollte sein Werk zusammengehalten wissen, versammelt an einem Ort – wie in einer Art Bann gegen die Auflösung. Es wurde jedoch in alle Winde verstreut, verteilt und an private Sammler verkauft.

Die beiden Renaissance-Bildhauer Benvenuto Cellini und Baccio Bandinelli befanden sich wiederum in solcher Rivalität, dass Cellini testierte, seine unvollendete Christusfigur solle auf keinen Fall von Verwandten oder Nachkommen Bandinellis vollendet werden. Und Antonio Canova, Zeitgenosse Goethes, betrieb Jenseitsvorsorge, indem er für seine postume Sakralisierung einen Grabtempel schuf.

So beweisen auch die Künstlertestamente, dass das Auferstehungsversprechen allein die Frage nach dem großen Danach kaum je vollends beantwortet. Was bleibt? Was bleibt sicher? Das staunenswerte Rätsel der Ewigkeit.

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