Kultur : Hohe Dosis, kurze Wirkung

Harald Martenstein

Als die Menschen in Todesangst aus den Hochhäusern sprangen, mussten die Sender blitzschnell entscheiden. In New York zeigte das Fernsehen die fallenden Körper bis zum Schluss, bis zum Aufprall auf dem Boden. BBC brachte überhaupt keine Bilder von springenden, sterbenden New Yorkern. In Deutschland entschieden sich die meisten Sender für einen Kompromiss - der Sprung war zu sehen, der Aufprall nicht. Fünf Monate sind seitdem vergangen. Und aus dem Thema "11. September" ist die Luft raus. Das klingt zynisch, aber Medienleute reden nun mal so.

Die Mainzer Tage der Fernsehkritik waren extra vorverlegt worden, vom Mai in den Februar, weil die Veranstalter das Schlimmste befürchtet hatten, eine "Stilllegung der kritischen Publizistik" unter dem Druck des Krieges und des Proamerikanismus, und weil es stets gilt, den Anfängen zu wehren. Die kritische Publizistik hat aber sieben Leben und ist folglich noch recht munter. So saß man in Mainz vor einer Fototapete mit einem New Yorker Katastrophenbild und ließ in Referaten und Diskussionen das alles noch einmal an sich vorüberziehen - die Thesen über das Böse, über die Angstlust beim Anblick der einstürzenden Türme des World Trade Center, über die Endlosschleife der Bilder und das Weltgemeinschaftsgefühl, das sich für einen kurzen historischen Moment einstellte, dazu die Erlebnisberichte der Korrespondenten, kluge Leute fast immer, die interessante Gedanken vortrugen. Aber man hatte das alles schon irgendwo gehört oder gelesen.

September, ein Episodenfilm

In den Kinos laufen jetzt die Actionfilme an, die im September zurückgestellt wurden - "Collateral Damage" mit Arnold Schwarzenegger auf Terroristenjagd, "Black Hawk Down" von Ridley Scott, die Geschichte des amerikanischen Militärdesasters in Somalia. In England produziert Channel 4 bereits das erste Dokudrama über den New Yorker Anschlag, in Deutschland entsteht "September", ein Episodenfilm von Max Färberböck zum gleichen Thema. Die Kunstproduktion beginnt.

Der 11. September, der Tag, an dem sich angeblich alles Mögliche änderte, ist im Rekordtempo von den Intellektuellen und den Feuilletons verdaut worden, die Essays wurden schneller geschrieben als die Reportagen, es war "die Stunde der Susan Sonntags" (so Hans Janke, der Chef des ZDF-Fernsehspiels). Die einstürzenden Türme waren eine mythische Botschaft, eine große Tragödie, eine unwiderstehliche Einladung zur Interpretation. Die Faktenlage dagegen ist zum Teil immer noch unklar, und für den Angriff auf das Pentagon, der weniger starke Bilder abwarf, hat man sich nur am Rand interessiert. Die Tatsache, dass die USA nicht einmal ihr wichtigstes militärisches Objekt schützen konnten, war weniger interessant, weil die Bilder schwächer waren.

Die Mainzer Tage der Fernsehkritik sind der Ort, an dem das wichtigste Medium der Gegenwart über sich selbst nachdenkt. Wenn in diesem Jahr dabei etwas herausgekommen ist, dann eine Erkenntnis über die Macht der Bilder - Bilder wirken ähnlich wie die Droge Crack, zunächst sehr stark, aber die Wirkung lässt schnell wieder nach, und sie ist schwer kalkulierbar. Wegen der heutigen Medienlandschaft könne es keine langen, blutigen Weltkriege mehr geben, sagte Wolfgang Schäuble, der CDU-Mann: Wenn es im 1. Weltkrieg bereits das Fernsehen gegeben hätte, dann hätten die Reportagen über die Schlacht von Verdun eine unwiderstehliche Friedensbewegung ausgelöst. Oder die Niederlage von Stalingrad, im Fernsehen übertragen: Das hätten die Deutschen nicht ausgehalten, der Krieg wäre zu Ende gewesen.

Schäuble sprach in Mainz erstaunlich offen von sich selbst, dem Mann im Rollstuhl. Wenn er eine Rampe hinauffahre, dann gebe das immer "unglaublich blöde Bilder". Er habe am Anfang unter der Angst gelitten, umzustürzen, am Boden zu liegen, davon erholt ein Image sich schwer. Andererseits - wer weiß schon, wie so etwas funktioniert? Wie sehr hat Gerhard Schröder sich verkalkuliert, als er zu Beginn seiner Amtszeit in "Wetten dass" auftrat, um Volksnähe zu demonstrieren. Politiker dürfen nicht zu viel Nähe zulassen, dadurch entzaubern sie sich. Distanz ist besser, sagt Schäuble.

Autobahn der Angst

Neben Schäuble hinterließen die beiden Chefs des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira in Mainz den stärksten Eindruck, zwei äußerst smarte und charmante Herren, die sich einerseits überzeugend auf die journalistischen Grundregeln berufen - keine Zensur, keine vorschnelle Parteinahme, keine einseitige Berichterstattung -, andererseits mit der gleichen Überzeugungskraft erklären, dass sie den Amerikanern zutiefst misstrauen, was die Einhaltung dieser Prinzipien betrifft. Misstrauen ist immer gut. Müssen die deutschen Medien in dieser Hinsicht von Al Dschasira lernen?

Im Schatten des 11. September hat Innenminister Otto Schily fast lautlos scharfe Antiterrorgesetze durchsetzen können, über die es in Deutschland zu jedem anderen Zeitpunkt lange Diskussionen und heftige Kontroversen gegeben hätte. Er hat die Gunst der Stunde genutzt. In Mainz gab Schily zu, dass er zumindest einen Teil dieser Gesetze auch schon vor den Anschlägen geplant hatte. Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" spricht von einer "Autobahn der Angst", die uns ins "Zeitalter des Sicherheitsstaates" führen könnte - weniger drastisch, aber in der Sache ähnlich formulierte das Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des Tagesspiegels, im Gespräch mit Schily.

Der Alarmismus der Medien, ihre Bereitschaft, sich vom Strudel der allgemeinen Erregung mitreißen zu lassen, kann ein gutes Frühwarnsystem sein. Aber er kann auch blind machen. Die reale Gefahr für die Welt war zum Beispiel während der Kubakrise bedeutend größer als nach dem 11. September, sagte der Frankfurter Soziologe Karl Otto Hondrich. Das liegt auf der Hand, aber am 13. oder 14. September hätte niemand gewagt, es auszusprechen. Ist das, was wir zur Zeit erleben - ein Gefühl der Bedrohung - nicht der Normalzustand fast jeder Gesellschaft, in fast jeder Epoche? Ist die völlige oder weitgehende Sicherheit vor terroristischer Bedrohung womöglich schon wieder eine dieser fatalen Utopien, mit denen wir in den letzten 150 Jahren die allerschlechtesten Erfahrungen gemacht haben?

Für Dieter Stolte war es einer der letzten Auftritte als ZDF-Intendant. Bei der Eröffnung sah man ihn neben der Queen Mum seines Senders, dem uralten Karl Holzamer, Jahrgang 1906. Stolte war einst der persönliche Referent des ersten ZDF-Chefs. Eine 40-jährige Dynastie geht zu Ende, das ZDF steht vor einem echten Epochenwechsel, womöglich einer Kulturrevolution. Das macht die Intendatenwahl so schwierig. Wenn man in der ZDF-Stadt auf dem Lerchenberg spazierengeht, sieht man, dass sie dort sogar einen eigenen ZDF-Friseur haben, der den Herren für günstige 11 Euro 50 die Köpfe schön macht. Eine Welt für sich. Autark. Ob es das noch lange geben wird?

Das Ende der Geschichte

Michael Haller, ein lang gedienter "Spiegel"-Reporter, der heute Journalismus in Leipzig lehrt, schildert die Medien als die großen Geschichtenerzähler, die Epiker der Gegenwart. Weder das Theater noch das Kino oder die Literatur haben diese universelle Kraft. Die Geschichte muss einfach und klar sein, sie wird entweder zu einem Ende gebracht, zu irgendeiner Form von befreiender Auflösung - die Schurken sind bestraft, die Dinge sind wieder im Lot. Oder man bricht die Erzählung ab, wenn das Publikum Anzeichen von Langeweile erkennen lässt oder wenn keine Auflösung in Sicht ist. Die Geschichte der Parteispenden-Affäre zum Beispiel ist nie zu Ende erzählt worden. Und sogar der Name Bin Laden verblasst allmählich. Die Welt wartet auf sein Ende - oder auf die nächste Geschichte.

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