Hohenfels-Orchester : Das Phantom der Philharmonie

53 Jahre lang war es unsichtbar, jetzt will das Hohenfels-Orchester aus dem Schatten treten – mithilfe der Berliner Philharmoniker.

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Impresario der „Populären Konzerte“. Orchestergründer Victor Hohenfels mit Gattin Eva-Maria und dem Sänger William de Valentine in den fünfziger Jahren in seiner Wohnung am Ku’damm. Die Einrichtung ist bis heute unverändert.
Impresario der „Populären Konzerte“. Orchestergründer Victor Hohenfels mit Gattin Eva-Maria und dem Sänger William de Valentine in...Foto: Konzertdirektion Hohenfels

Wer zu Bogdan Sikora will, muss den Eingang zur Astor Filmlounge nehmen. Kurz vor der Vorverkaufskasse gibt es eine unscheinbare Seitentür, daneben ein paar Klingelknöpfe. Mühsam ruckelt der winzige Fahrstuhl hinauf in den 4. Stock – wo sich ein Westberliner Prachtpanorama öffnet: Kudamm/Ecke Joachimstaler Straße, das Café Kranzler direkt gegenüber. Noch beeindruckender als der Ausblick aber ist die herrschaftliche Wohnung selber. Alle Räume sind konsequent in „gotischem Stil“ gehalten, mit Spitzbogentüren, kirchenfensterförmigen Spiegeln und einem Kamin, dessen raumhohe Esse ein stilisiertes Ritterwappen ziert.

Hier hielt Victor Hohenfels Hof, der 1978 vom österreichischen Staat zum Professor ehrenhalber erhobene Impresario des „sinfonie orchesters berlin“. Er war der Herr über die „Populären Konzerte“ in der Philharmonie. Mehr als drei Millionen Zuhörer haben die Konzerte seit 1957 live erlebt – auch wenn in der Zeitung nie etwas darüber zu lesen war. Als Privatfirma, die ohne einen Cent staatliche Subventionen arbeitet, ist die Konzertdirektion Hohenfels nicht dazu verpflichtet, Pressekarten auszugeben. Also rücken sie auch keine heraus. Nörgelnde Rezensenten haben in der Traumwelt der populären Klassik nichts verloren. „Gönnen Sie sich einige Stunden der Entspannung und Harmonie, garantiert durch immer wieder gern gehörte Meisterwerke berühmter Komponisten in der festlichen Atmosphäre eines ausverkauften Hauses“ lautet seit Menschengedenken der Hohenfels-Werbeslogan.

Seit 1988, nach dem Tod des Firmengründers, hatte seine Witwe Eva-Maria das Familienunternehmen von der Kurfürstendamm-Wohnung aus geleitet. Im vergangenen August verstarb dann auch die „Königin der Nacht“, wie die Sopranistin von ihren Musikern genannt wurde. Seitdem wohnt Bogdan Sikora hier. Dennoch prangt immer noch in großen Lettern „Professor Hohenfels“ an der Wohnungstür. Das ist die Marke, mit der er sein Geld verdient. In ihrem letzten Willen hatte Eva-Maria Hohenfels ihren Orchesterdirektor zum Alleinerben bestimmt. Als Dank für 27 Jahre treue Dienste. Mit einer einzigen Mitarbeiterin organisiert Sikora nun die 30 Konzerte, die „das sinfonie orchester berlin“ pro Saison gibt. Wenn das Kartentelefon klingelt, geht er persönlich an den Apparat. So hat es auch Frau Hohenfels immer gehalten: Nur vom Chef beratene Kunden sind zufriedene Kunden, lautet das Credo des Hauses. „Bei uns übernehmen die Besucher die Rolle der Feuilleton-Kritiker“, berichtet Sikora. „Wenn ihnen etwas nicht gefällt, rufen sie sofort an.“

Der neue Chef Bogdan Sikora.
Der neue Chef Bogdan Sikora.Foto: Konzertdirektion Hohenfels

Die Taktik funktioniert: Reisebusse liefern nur einen Bruchteil der Konzertbesucher an. Die meisten sind Individualbesucher, eine eingeschworene Parallelgemeinschaft im Schatten der hauptstädtischen Musikszene. Denn trotz ihres konstanten Erfolges ist die Hohenfels-Truppe in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute ein unsichtbares Orchester. Das wurmt den neuen Chef. Denn er ist überzeugt von seinen Musikern – auch wenn die mit lediglich zwei Proben pro Konzertprogramm auskommen müssen, während bei staatlich subventionierten Orchestern fünf Proben die Regel sind. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, engagiert Sikora die Künstler ausschließlich projektweise. Nur wer mitspielt, verdient. Für anderweitig fest angestellte Musiker, die sich ein Zubrot verdienen wollen ist das attraktiv. Ebenso für Ruheständler. Oder für Studenten, die Erfahrungen sammeln möchten. Und wer sich als freiberuflicher Instrumentalist durchschlagen muss, ergreift sowieso jede Chance zum Geldverdienen.

„Ich bin überzeugter Berliner“, betont Bogdan Sikora. Darum kauft er keine billigen Kräfte aus dem ehemaligen Ostblock ein, wie andere kommerzielle Veranstalter, sondern sucht sich seine Musiker vor Ort: „Der Pool an hochqualifizierten Profis ist hier enorm groß – darum stimmt bei uns auch das musikalische Niveau.“ Nur wusste das bislang niemand. Weil man „das sinfonie orchester berlin“ eben nur vom Hörensagen kannte. Wegen des Berichterstattungsverbots, das Eva-Maria Hohenfels verhängt hatte, kursieren die wüstesten Gerüchte in der Stadt.

Jetzt aber hat sich Bogdan Sikora etwas einfallen lassen, um das zweifelhafte Image seines Orchesters aufzupolieren: Er hat Musiker der Berliner Philharmoniker gefragt, ob sie nicht bei ihm als Solisten auftreten wollen – und nicht einen einzigen Korb bekommen. Allein in dieser Saison sind 11 Mitglieder von Simon Rattles Truppe dabei. Ihnen gefällt es, ohne Reisestress, im vertrauten Saal mit Virtuosenstücken glänzen zu können. Und auch Spitzenkräfte anderer Berliner Ensembles kommen gerne. Sikora setzt darauf, dass „das sinfonie orchester berlin“ an diesen Abenden besonders engagiert spielt: „Es ist doch ein Ritterschlag, wenn so großartige Künstler mit uns auftreten.“

Ein weiteres Hohenfels-Rätsel, über das in der Berliner Kulturszene viel spekuliert wurde, ist die Frage, warum die Konzertdirektion in einem derart begehrten Haus wie der Philharmonie jede Saison so viele Sonnabendtermine ergattern kann – sehr zum Ärger auch der staatlich subventionieren Konkurrenz. Bogdan Sikora kann auch hier aufklären: 1963, als die Philharmonie eröffnet wurde, wollte sich in dem von Brachflächen umgebenen Sichtbetonbau an der Zonengrenze kein privater Veranstalter einmieten. Ohne die berühmte goldene Außenhaut, die erst 1980 hinzukam, sah das Gebäude in der Tat wenig attraktiv aus. Schließlich machte der Senat Impresario Hohenfels ein Angebot: Ihm wurden die attraktiven Termine zugesichert – so lange er keinen Antrag auf Subventionen stellen würde. Beide Seiten haben sich bis heute daran gehalten.

Am 19. Februar dirigiert Stanley Dodds von den Berliner Philharmonikern ein Tschaikowsky-Programm, am 26. Februar spielt Tomasz Tomaszewski, Konzertmeister der Deutschen Oper Berlin, das Beethoven-Violinkonzert. Weitere Informationen: www.konzertdirektion-hohenfels.de

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