Kultur : Hohepriester einer untergehenden Kultur

Erlösungssehnsucht und Charisma: Warum Furtwängler und seine Aufnahmen ein Mythos sind

Jörg Königsdorf

Die Musik, sagt Wilhelm Furtwängler in einem der Interviews, die der Jubiläums-Box der Deutschen Grammophon beigegeben sind, habe er immer als Äußerung des lebendigen Menschen begriffen. Und: Das Seelische wirke in der Musik stärker als das Mechanische, es sei der Geist der Werke, den es zu erfassen gelte. „Geist“, „Schicksal“ und auch die „Einheit“, das zu erfassende „Ganze“ einer Sinfonie, einer Oper oder einer Melodie – auffällig oft tauchen diese Begriffe auf in diesen fesselnden Tondokumenten. Wie ein Komplex von eng verwandten Leitmotiven ziehen sie sich durch Furtwänglers Äußerungen: zu Bach und zu Verdi, selbst zu so scheinbar profanen Details wie Raumakustik und Bogentechnik. Und fast immer, wenn Furtwängler diese Werte beschwört, nimmt seine sonst eher zwischen Genuschel und Widerwilligkeit schwankende Stimme einen Ton kaum verhaltener Dringlichkeit an.

Schon zu Lebzeiten wurde der schlaksige Mann mit dem großen Kopf, den schier überlangen Armen und den zerknitterten Anzügen, der stets an einen ältlichen Gymnasiallehrer erinnerte, zum Mythos – und zur Verkörperung eines Trotzdem. Furtwängler war die lebendige Metapher dafür, dass die Gültigkeit der humanistischen Kulturtradition Europas, des bürgerlichen Idealismus, auch durch die Erfahrung zweier Weltkriege ihre Bedeutung nicht verloren hatte – ganz gleich, was zeitgenössische Künstler auch immer behaupten mochten.

Dass Furtwängler diese weit über das rein Künstlerische herausragende Bedeutung überhaupt erlangen konnte, liegt auch an seiner Verstrickung in die kulturpolitischen Machenschaften der Nazis – mit ihm, der „immer nur das Beste wollte“ und dabei mit in den braunen Strudel geriet, konnte sich eine ganze Generation deutschen Bildungsbürgertums identifizieren. Außerdem gab die Musik, anders als die Literatur, der Nachkriegsgesellschaft die Möglichkeit, in einer Zeit des totalen Umbruchs an diesen Werten festzuhalten, ohne sie explizit formulieren zu müssen. Konzertsäle und Opernhäuser wurden zu Refugien einer heilen Welt.

Dass die auf den Dirigenten fokussierte Konzertsituation zudem die einzige verbleibende Möglichkeit war, sich unverdächtig dem Charisma und der Autorität einer Leitfigur hinzugeben, mag in diesem Zusammenhang ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen - gerade auch angesichts des enormen Prestiges, das Furtwängler bereits wenige Jahre nach Kriegsende wieder genoss. Kennzeichnend, dass diese symbolhafte Bedeutung Furtwänglers nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ländern wie England und Frankreich wahrgenommen wurde.

Entscheidend ist freilich, dass dieses Bewusstsein von Gefährdung ebenso wie der unverrückbare Glaube an die heilsbringende Botschaft der klassischen Musik bei Furtwängler tatsächlich auch hörbar werden: In den Live-Aufnahmen, die jetzt, zum 50. Todestag, in ausgezeichneter technischer Überarbeitung neu erschienen sind, weit stärker übrigens als in den umfangreichen Studioeinspielungen, die Furtwängler in seinem letzten Lebensjahrzehnt sowohl mit den Wiener als auch mit „seinen“ Berliner Philharmonikern noch machen konnte. Denn offenbar brauchte der Beschwörungscharakter des Furtwänglerschen Musizierens die Spannung des Einmaligen, Unwiederholbaren. Die ab 1942 entstandenen Live-Aufnahmen sind geradezu beseelt von dem Bewusstsein, der Hohepriester einer untergehenden Kultur zu sein – und setzen einen legendären Götterfunken frei. (Ganz anders als bei Arturo Toscanini, dessen weißglühende, auf unbedingte Präzision ausgerichtete Studio-Einspielungen erstaunlich wenig Differenzen zu seinen Live-Aufnahmen aufweisen.)

Kein Wunder, dass jene inhärente Dramaturgie von Bedrohung und Erlösung am überzeugendsten bei Beethovens Neunter zur Geltung kommt, die nicht ohne Grund als das Furtwängler-Stück schlechthin gilt. Zugespitzt könnte man sagen, dass Furtwängler im Grunde immer die Neunte mitdirigierte – egal, welches Stück auf dem Programm stand. Die Unbedingtheit, mit der er versuchte, die Substanz und den Verlauf einer Komposition in den Dienst einer geistigen Botschaft zu stellen, kommt freilich auch dort zum Vorschein, wo die Resultate aus heutiger Sicht eher fragwürdig sind: Bei Bach und Mozart, bei Strawinsky, deren Werke für Furtwänglers Ringen um Erlösung weniger Anhaltspunkte bieten.

Dass sich Dirigenten von Barenboim bis Rattle bis heute auf Furtwängler berufen, ist vor allem auf die vom ihm postulierte Einmaligkeit des Konzertereignisses – als Gegenentwurf zum technisch reproduzierbaren Kunstwerk – zurückzuführen. Und auf das Sendungsbewusstsein des Künstlers, die persönliche Werk-Erkenntnis zum universellen Wahrheitserlebnis auszuweiten: „Seid umschlungen, Millionen.“

Die klassisch-romantische Sinfonik als Konsensmodell der bürgerlichen Gesellschaft wird heute nicht mehr durch den eruptiven Schock eines Katastrophenerlebnisses in Frage gestellt. Ihre Entgrenzung findet vielmehr schleichend statt. Das heterogene Publikum des 21. Jahrhunderts erwartet, wenn überhaupt, von klassischer Musik Aussagen, die weniger von kollektivem Leidensdruck als vom Bewusstsein einer kulturellen Pluralität inspiriert sind. Kennzeichnend, dass kaum etwas heute so unangenehm, ja verlogen wirkt, wie der Versuch, durch bloße Imitation der (Furtwänglerschen?) Pathosformeln den Werken Bedeutungsschwere aufzuzwingen. Götterfunken leuchten heute nicht mehr so leicht. Auch weil die Zeiten heller sind als vor 50 Jahren.

Neue Furtwängler-CDs: An Anniversary Tribute (DG, 6 CDs); Salzburger Orchesterkonzerte (Orfeo, 8 CDs); The Fascination of Furtwängler (DG, 2 CDs)

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