Kultur : Hohes Lied

Philippe Jaroussky bringt Kastratenarien nach Berlin

Carsten Niemann
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Foto: EMI

Das Reizwort Kastrat darf bei dem neuesten Projekt von Philippe Jaroussky nicht fehlen: „Forgotten castrato arias“ steht auf dem neuen Album des französischen Countertenors. Dabei ist die Wiederbelebung der Kastratenkunst mit natürlichen Mitteln gar nicht das Hauptanliegen des 1978 geborenen Stars des hohen Männergesangs. Jarousskys Leidenschaft gilt vielmehr der Wiederentdeckung eines Komponisten, dessen Vornamen sich die Plattenfirma nur abgekürzt auf das Cover zu setzen traute: „JC Bach“. Womit niemand anderes gemeint ist als der 1735 geborene und 1782 gestorbene jüngste Sohn von Johann Sebastian Bach.

Es ist eine Herausforderung ganz nach dem Geschmack Jarousskys: „Ich mag es, etwas zu verteidigen, von dem ich überzeugt bin, dass es unfairerweise nicht genug bekannt ist“, erklärt der Franzose. Und deswegen lässt Jaroussky, wenn er kommenden Montag zusammen mit Concerto Köln im Berliner Konzerthaus auftritt, den unbekannten Johann Christian ausgerechnet gegen Georg Friedrich Händel antreten. Dass der Bach-Sohn eine Chance gegenüber dem berühmtesten Komponisten von Kastratenarien hat, davon ist Jaroussky überzeugt. Zum einen gebe es viele Parallelen im Leben der beiden, so feierten sie in Italien erste Erfolge, um sich später in London niederzulassen. Zum anderen habe Bach ein Genie wie Mozart beeinflusst: „Wenn man sich Mozarts Oper ,Ascanio in Alba’ anhört – das ist komplett der Stil von Johann Christian Bach“, sagt Jaroussky begeistert. Für den Interpreten wird die Aufgabe dadurch nicht leichter: Dass in der Musik nichts so schwer wie die Kunst des Übergangs ist, gilt auch für musikalische Epochen. Solche Übergänge zu gestalten, ist eine der Stärken von Jaroussky.

Schon 1999 machte er mit der Interpretation von Musik des Händel-Wegbereiters Alessandro Scarlatti auf sich aufmerksam. Seitdem hat er von seinem Vorbild Cecilia Bartoli gelernt, wie man im Konzertsaal durch den Dialog mit dem Orchester eine Theateratmosphäre erzeugt. Weshalb er sich besonders auf die langfristig angelegte Zusammenarbeit mit den ohne Dirigenten musizierenden Alte-Musik-Spezialisten von Concerto Köln freut.

Für die zweite Seite im musikalischen Wesen des Sängers mag der Vergleich mit dem Countertenor Andreas Scholl stehen. Für den sprang Jaroussky 2004 ein und legte ein fulminantes Deutschlanddebüt hin. Mit Scholl scheint Jaroussky nicht nur die tragende Stimme und die Lust am intellektuellen Durchdringen der Texte zu verbinden, sondern auch die Fähigkeit, selbst bei stärksten Emotionen jedes Overacting zu vermeiden.

In seinem Album ist es Jaroussky tatsächlich gelungen, Johann Christian Bach als Charakter lebendig werden zu lassen, der Händels Emotionalität und Mozarts Leichtigkeit in sich vereint. Sollte JC Bach also am Montag gegen Händel punkten, würde sich niemand mehr darüber freuen als der Interpret. „Wenn die Leute nach einem Konzert sagen, ,diese Arie, diese Oper kannte ich noch gar nicht – was für großartige Musik’: Dann bin ich stolz.“ Carsten Niemann

Philippe Jaroussky tritt am Montag, 23. 11., um 20 Uhr im Konzerthaus Berlin auf. Kartentelefon 01805 - 570070. Die CD „Johann Christian Bach: La dolce fiamma. Forgotten castrato arias“ ist bei Virgin Classics erschienen.

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