Kultur : Hol’ schon mal den Wagner

Masse und Ohnmacht: Frank Castorfs „Meistersinger“ an der Berliner Volksbühne

Christiane Peitz

Bloß keine Gewalt. Bei der Prügelfuge gönnen sich die Meistersinger eine Verschnaufpause, sitzen bloß da und lauschen Wagner im Orchestergraben. Bläserquintett und zwei Klaviere, die Kammermusikvariante. Nicht dass sonst nicht die Fetzen fliegen, man kennt das von all den Wagner-Wahnsinnigen und Bayreuth-Debütanten an der Volksbühne, von Schlingensief bis Marthaler. Ein Holzpferd kotzt, wenn vom blühenden Flieder die Rede ist, die Damen spucken die Herren an, und die Herren turnen auf Jonathan Meeses Bühneninstallation herum, rasen im Jeep hin und her und hin, während Ritter Walther im Kübelwagen vorfährt, geteert und gefedert. Dabei würden die Herren, statt zu tollen, lieber tänzeln und tändeln.

Wagners Sängerkriegs-Komödie, ein Abenteuerspielplatz für beleibte Typen in Leggins, mit breiten Gürteln über dem Wams. Lauter dicke Kinder und Möchtegern-Supermänner, die um Eva, die Superfrau buhlen. Sophie Rois, Sandmännchen-Engel in seidigem Gewand, stöckelt durch Meeses Fort Knox (die übliche Laubsäge-Arbeit mit Gipsskeletten, Knast- und Kirchen-Türmchen sowie „Tanz den Popanz“-Graffitis), markiert ein bisschen Belcanto. Wagner geflüstert, geraspelt, gestreuselt. Klingt nach Björk, Hilde Knef, Kurt Weill. Three-CentOpera. Das wäre doch was, wenn Eva den Gesang seiner Schönheit entkleidete und ihr stolzer Ritter seinen Strahle-Tenor dagegen setzte, wirklich betörende Töne. Aber Christoph Homberger, einer der vier Profi-Sänger auf der Bühne (der gemeinsam mit Dirigent Christoph Keller und Stefan Wirth die Musikkonzeption verantwortet) hätte in Bayreuth kaum eine Chance. Sonor sein Organ, aber mehr auch nicht, er näselt und knödelt, es knackst in den Registern. „Keiner wie du“: Am Ende zerfasert Sophie Rois als somnambule Braut Wagners notorisches C-Dur, Traum einer Traumstimme, sekundenkurze Verstörung. Bis Jonathan Meese persönlich aufkreuzt und sich auf die Posaunistin wirft. „Komm mit in die totale Hermetik!“ Noch so ein Spaß.

Bloß keine Gewalt. „Maul auf, s.v.p“, steht geschrieben, schlimmstenfalls gibt’s eins in die Fresse, mein Herzblatt. Den konsequenten Wettkampf der Künste, Oper versus Drama, Musik versus Sprache, vermeidet Frank Castorf, wenn er unentwegt in den Firlefanz abdriftet oder in vage waberndes Assoziationsgewölk. Stop making sense, aber verachtet mir die Meister nicht: Der Regisseur hat verdammt viel Respekt vor Wagner. Riskiert nur Clownerien (Winfried Wagners David als Zipfelmützen-Zwerg), die Collage, den Gag. Man probiert Baby-Sprech aus, setzt sich Horror- und Bankräuber-Masken auf, fuchtelt mit den Armen und nennt es Deklamation, weil es dem Bayreuther Meister ja darum zu tun war.

Wie kommt das Neue in die Welt? Zweidrittel Wagner, ein Drittel „Masse Mensch“, Ernst Tollers Revolutionsdrama von 1919. Schriller Agitprop: „Mensch ist nackt. Masse ist heilig“, ach ja. Dann lieber Beckmesser (Max Hopp), der Traditionalist als betrogener Betrüger und Mitleidensmann. Wenn er den Geldkoffer nicht öffnen kann, zitiert er den Subventions-Witz in eigener Sache aus Castorfs „Caligula“-Inszenierung von 1999, und der Kultusenator sitzt in der ersten Reihe. Das ist alles nur geklaut, Entschuldigung, das ham’ wir uns erlaubt.

Ein inszenierter Offenbarungseid? Wir können nicht singen und wissen nicht weiter? Das übliche Lied am Rosa-Luxemburg-Platz: dass das Neue, der Bilder- und Bühnensturm längst alt aussieht. Selbst Bernhard Schütz als Hans Sachs bleibt bei seinen Leisten und zerfleddert das billige italienische Schuhwerk. Dass die Chose aus dem Leim geht, kann er auch nicht verhindern. Als im Juni die „Meistersinger“-Premiere in Luxemburg stieg, kämpften die Deutschen bei der WM gerade um eine andere Meisterschaft und erfanden den neuen Patriotismus. Frank Castorf arbeitet sich lieber traditionell am teutschen Wesen ab, hängt vier klassizistische Säulen-Lappen vor die Szenerie, „Jail“ steht darauf und „Null“. Ein Nullsummenspiel. Die Lappen hoch – dahinter dräut die Ratlosigkeit.

Vom Chor der werktätigen Volksbühne lässt sich trotzdem was lernen. Jeder singt, wie er kann, aber die Wagner-Choräle der Bühnenarbeiter und Kantinenleute haben es in sich. Masse ist Spaß: Mehr Chöre braucht das Land. Gott ist tot, und Wagner macht krank, wusse Nietzsche. Singen ist keine schlechte Medizin. Nicht nur in der Ritterburg am Rosa-Luxemburg-Platz.

Wieder heute, 28. und 30.9, 19.30 Uhr

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