Holleins Österreichische Botschaft : Grün leuchtet das Magenbrot

Hans Hollein hat die Österreichische Botschaft in Berlin gebaut und ihr ein Kupferdach aufgesetzt. Heute wird das Haus im Diplomatenviertel in Tiergarten eröffnet

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Eröffnet am 5. Juli 2001: Hans Holleins Gebäude der Österreichischen Botschaft in Berlin-Tiergarten.
Eröffnet am 5. Juli 2001: Hans Holleins Gebäude der Österreichischen Botschaft in Berlin-Tiergarten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Hans Hollein, der weltweit aktive Architekt aus Wien, ist in Berlin kein Unbekannter. Bei Aedes hat er mehrmals ausgestellt, an der Rauchstraße hat er ein Wohnhaus realisiert (das die Entwürfe der Kollegen in Rob Kriers IBA-Wohnanlage spielend aussticht). Aber sein preisgekrönter Entwurf für das Kulturforum ist Papier geblieben. 1997 hatte er einen europaoffenen Wettbewerb um die Planung der österreichischen Botschaft in Berlin gewonnen, heute nun wird der Bau seiner Bestimmung übergeben. Das Diplomatenviertel am Tiergarten sei ein Villenviertel gewesen, hatte man dem Architekten bedeutet. Auch die neue Botschaft sollte daran anknüpfen. Doch was hat es mit dem in grün patiniertem Kupferblech gekleideten Baukörper auf sich? An dieser exponierten Ecke Tiergartenstraße - Stauffenbergstraße habe er ein weithin sichtbares Zeichen setzen wollen, sagt der Architekt.

In der Tat, dieser in der Gestalt schwer zu beschreibende Körper - er hat etwa die Form eines Magenbrots - leuchtet schon von weitem und bildet im Verein mit der rot-weiß-roten Flagge ein markantes Stadtzeichen. Leider ist das Anwesen von einem martialischen Sicherheitszaun umzingelt, den man dezenter hätte gestalten können, wie manch andere Botschaft unter Beweis stellt. Zwei Schwächen kann man dem grünen "Magenbrot" anlasten. Als künstlerisch empfundene Form ist es nicht prägnant genug, zu wenig eigenständig, zu wenig Kontrapunkt zu den übrigen Gebäudeteilen. Die skulpturale Form hätte ausladend, dynamisch, biomorph gegen die rationalistischen Kuben der Kanzlei und der Residenz stehen müssen. Und als Sonderbaukörper ist er Formalismus, täuscht er eine besondere Nutzung nur vor, während bei einem vergleichbaren Beispiel wie der roten Rotunde des Veranstaltungssaals im Hof der belgischen Botschaft Anlass und formale Ausprägung übereinstimmen.

Hollein füllt ihn wie die anderen Bauteile mit allerlei Funktionen, mit dem Empfang, der Halle, dem Saal und den Arbeitsräumen des Botschafters, mit öffentlich-repräsentativen zwar, aber nicht nur, denn es gibt darin auch normale Büros. Entlang der Stauffenbergstraße schließen sich ein orangefarben verputzter Baukörper mit Vordach, Tageseingang und Treppenhaus an und schließlich das Kanzleigebäude, ein schlicht-moderner Bau wie aus den sechziger Jahren mit anthrazitfarbener Fassade aus Basaltino, einem Vulkangestein und flächenbündigen Aluminiumfenstern. Hier wird verwaltet, das sieht der Ankömmling sofort, und hier ist der etwas bescheidenere Eingang für Bittsteller, die den konsularischen Dienst aufzusuchen wollen.

Wenn der Botschafter zum Empfang einlädt, werden die Vorfahrt und die Türen des Haupteingangs unter dem eleganten Glasdach geöffnet. Der Hausherr tritt seinem Gast entweder auf der Freitreppe entgegen, oder er begrüßt ihn in der Tür, erwartet ihn in der zentralen Oberlichthalle. Oder er lässt ihn warten, indem er die theatralische Treppe aus seinen Privatgemächern in die Halle hinabschreitet. Alle Nuancen diplomatischer Ehrbezeigung lassen sich auf der "receiving line" inszenieren. Bitt'schön, einen kleinen Braunen!

Die Halle ist das Schmuckstück der Botschaft, lang gestreckt, leicht oval aufgeweitet, mit besagter Treppe für den effektvollen Auftritt, mit Bullaugenfenster, mit weißer Lichtdecke und einer kleinen Aussichtskanzel an der Decke - soweit oben jedenfalls, dass man von dort aus zwar nicht der Menge huldvoll zuwinken, doch das Treiben beobachten kann. Dann wogt das Geschehen vielleicht in den gekrümmten Saal, der mit seinen lindgrünen Wandverkleidungen allerdings wenig Eindruck macht. Rubinrote Türen verheißen mehr Stimmung und führen in den Speiseraum, der sich wie ein barocker Gartensaal zur Terrasse öffnet, oder in den großen und den kleinen Salon (mit himmelblauer Stucco-Lustro-Decke) sowie in die gemütlich mit Wurzelholz verkleidete "Bibliothek", in der so viel wohl nicht gelesen wird, denn die Kaminwand nimmt mehr Platz ein als die Bücherregale. Vom hochoffiziellen Empfang am Staatsfeiertag bis zum vertraulichen Kamingespräch unter vier Augen hat die Botschaft für alle diplomatischen Kommunikationsformen Raumzuschnitte und -charaktere zu bieten.

Und so wird der Hausherr später am Abend zum kleinen Braunen und einer Havanna nach oben in die halbprivaten Räume seiner Residenz bitten, in den Wintergarten oder ins Balkonzimmer. In den beiden obersten Geschossen verfügt er über private Wohn- und Schlafräume, Sauna, Studio, ein Gästeapartment. Ausreichend Platz also für den einer Exzellenz angemessenen Lebensstil.

Die formale Vielfalt im Haus mag überraschen. Hollein, der zu Zeiten der Postmoderne zu Ruhm und Ehren kam, weil er kreativ wie kein anderer immer neue, nie gesehene Formen und Dekors herausbrachte und deshalb auf die Plünderung des Baugeschichtsfundus nie angewiesen war, ist sich auch nach dem Abklingen der Postmoderne treu geblieben. Während die Kollegen wieder dem Minimalismus frönen und mit Beton, Stahl und Glas auskommen, schwelgt er nach wie vor in Materialien, setzt grünen Granit gegen Travertin, Putz gegen Stucco Lustro, Messing gegen Edelstahl, altrosa Flure gegen quittegelbe Treppenhauswände. Immerhin sind die zahlreichen formalen, farblichen und materiellen Elemente wie immer bei Hollein stilsicher eingesetzt und fügen sich deshalb zu einem abgerundeten Ganzen. Als Botschaft wird das Gebäude sicherlich hervorragende Dienste leisten. Ein architektonisches Meisterwerk auf der Höhe der Zeit hat Hollein in Berlin allerdings nicht abgeliefert. EIN STÜCK WIEN? Die österreichische Botschaft in der Tiergartenstraße.

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