Kultur : Hollywood im Mesozoikum

Von der Verfertigung der Story beim Zuschauen: Wild, psychedelisch und einfach gut ist Spike Jonzes zweiter Film „Adaptation“

Ralph Geisenhanslüke

Was geht im Kopf eines Menschen vor? Diese Frage scheint Spike Jonze dauerhaft zu beschäftigen. In seinem ersten Spielfilm „Being John Malkovich“ hat er sie durchaus wörtlich genommen und erheiternde Innenansichten aus dem Schädel des hoch geschätzten Schauspielers gezeigt. Jonzes zweiter Spielfilm nun führt direkt in die seelischen Abgründe seines Drehbuchautors. Charlie Kaufman, so sein Name, quält sich vor seiner alten elektrischen Maschine. Eine heftige Schreibblockade hat den Oscar-nominierten Schreiber befallen.

Nichts kann so grausam sein wie ein weißes Blatt Papier. Vor einem weißen Blatt wird manchem Schreiber die Seele schwarz. „Adaptation“ beginnt deshalb mit einem Schwarzbild. „Ich bin ein wandelndes Klischee“, seufzt die Hauptfigur dazu und suhlt sich in Selbstmitleid. Gestern noch saß er auf dem Olymp, heute ist er schon wieder allein in seinem Vakuum. Kaufman hat sich einen nahezu unerfüllbaren Job aufschwatzen lassen: Er soll ein Buch über Orchideenzucht in einen spannenden Spielfilm umschreiben.

Der Autor hat nicht nur Angst vor seinem Auftrag. Vielmehr fürchtet er, „alt und fett“ zu werden, während draußen das Leben vorbeizieht. Nicolas Cage in der Titelrolle bringt einigen Mut mit: Er spielt einen Charlie Kaufman mit Haarausfall und Übergewicht. Mehr noch: Er spielt eine Doppelrolle. Charlies Bruder Donald quartiert sich ein. Während Charlie sich zerreibt, geht Donald auf all die schönen Partys, schleppt regelmäßig Frauen ab und beginnt, ebenfalls ein Drehbuch zu schreiben. Irgendwas über einen Serienkiller mit multipler Persönlichkeit, zubereitet streng nach den Rezepten des Drehbuch-Gurus Robert McKee. Das Skript wird Donald aus den Händen gerissen, während Charlie – der beschließt, sich selbst und seine Pein in die Story einzubauen – zunehmend zwischen Realität und Fiktion strauchelt. „Adaptation“ lässt uns der Verfertigung der Story beiwohnen, während wir diese schon sehen.

Es sind wunderbar gedrechselte Späße, die Jonze und Kaufman gegen ihre eigene Branche treiben. Einige der teuersten Schauspieler Hollywoods sind antitypisch besetzt; auch die brave Meryl Streep hat einen schönen Auftritt als drogensüchtiges Sex-Monster. Und die heiligen Gesetze von McKee werden dauernd und genüsslich verletzt. McKee, der selbst auftritt, verweist auf seiner Netzseite voller Stolz auf diesen Film. Die Vexierspiele zwischen Wahrheit und Fantasie gingen sogar soweit, dass Kaufmans Bruder Donald – eine fiktive Person – nicht nur im Programmheft der Berlinale steht, sondern auch bei den diesjährigen Golden Globes nominiert war. Am Ende scheint in diesem Labyrinth der Verschachtelungen und Rückblenden niemand mehr durchzublicken. Nur soviel: Es gibt einen klassischen Showdown mit allem Drum und Dran. Zumindest der reale Charlie Kaufman hat ihn überlebt – und schrieb auch das Drehbuch für George Clooneys Wettbewerbsfilm „Confessions Of A Dangerous Mind“.

Adaption ist ein Grundvorgang des Lebens. Lebewesen passen sich ihrer Umgebung an. Augen passen sich der Entfernung und den Lichtverhältnissen an. Kultur ist Adaption und Weiterverarbeitung. Mindestens die Hälfte aller Filme, Bücher und Musik beruht auf Adaptionen. Spike Jonze nähert sich den Wurzeln seiner Industrie spielerisch. Aber hinter den wohlgesetzten Späßen blitzt eine Klugheit durch, die weiß, unter welchen Mühen diese Anpassungen immer wieder vorgenommen werden. Und dass die Anpasser, mögen sie auch gut bezahlte Hollywood-Autoren sein, nicht zwingend glücklicher sind als der Rest der Menschheit. Spike Jonze hat sich früher mit Skatepunk und Videoclips beschäftigt – und das sehr erfolgreich. Zeitnah zu „Adaptation“ startet auch der Kinofilm zu der von Jonze ersonnenen Serie „Jackass“: eine grenzdebile MTV-Show, in der junge Männer Extremerfahrungen suchen und häufig den Notarzt treffen. Jonze scheint da keine Vorbehalte zu kennen. Mit „Adaptation“ aber ist er bei den Big Boys angekommen. Sein Charlie Kaufman spielt in einer Liga mit „Barton Fink“ von den Coen-Brüdern oder mit den Rätsel-Strukturen von David Lynch. Doch Jonzes Humor ist wilder. Er hat keine Skrupel, Charles Darwin auftreten zu lassen und die Geschichte Kaliforniens bis weit vor das Mesozoikum zu verfolgen. Nicolas Cage nannte seine Rolle wegen ihrer Mehrfachperspektive eine „kubistische Erfahrung“ – das ist es auch für den Zuschauer. „Adaptation“ setzt mit seiner nahezu psychedelischen Wildheit und Spontaneität Maßstäbe. Endlich mal wieder einer, der sich das traut!

Heute (Samstag, 8.2.) 19.30 Uhr (Berlinale-Palast), morgen 15 Uhr und 18.30 Uhr (Royal Palast) und 22.30 Uhr (International)

Berichte von der Berlinale heute Seite 24.

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