Kultur : Hollywoods Unschuld

FRANK NOACK

Man kann nicht immer Kinderstar sein: Shirley Temple wird 70VON FRANK NOACKFür ihre bissigen Bemerkungen sind Kritiker schon geohrfeigt oder mit Soße überschüttet worden, aber das ist harmlos verglichen mit der Hetzjagd, die 1937 auf Graham Greene veranstaltet wurde.In dem Londoner Magazin "Night and Day" war seine Rezension des neuesten Shirley Temple-Films "Rekrut Willie Winkie" zu lesen, in der er Mutmaßungen über die Fangemeinde des neunjährigen Stars anstellte: diese bestünde vorwiegend aus "Männern mittleren Alters und Geistlichen", die sich von dem "wohlgeformten und begehrenswerten Körper" der Hauptdarstellerin angesprochen fühlten.Greene wurde wie ein Staatsfeind behandelt: Zeitungshändler weigerten sich, das Magazin zu verkaufen, das dann auch bald einging, und Greene mußte sich wie ein gewöhnlicher Krimineller verstecken, bis Gras über die Sache wuchs. Diese Überreaktion zeigt: Shirley Temple war mehr als nur ein großer Star, sie war eine Nationalheilige, für deren Schutz der FBI-Chef J.Edgar Hoover eine Sondereinheit aufstellte.Ihr Vater George Francis Temple erhielt unmoralische Angebote von Frauen, die eine eigene Shirley produzieren wollten.Da er sich darauf nicht einließ, gab es zum Trost Puppen: Die Puppen-Industrie boomte und soll mehr Geld eingebracht haben als Shirley Temples Filmen, deren Qualität ohnehin keine Rolle spielte.Auch international brachte der niedliche Lockenkopf Menschen um den Verstand, so daß selbst im NS-Kampfblatt "Der Angriff" Liebeserklärungen erschienen.Die ganze Welt war in Shirley verliebt.Vergleichbare Reaktionen hat nur noch Lady Di ausgelöst. Doch kann Graham Greenes Einschätzung des Phänomens nicht so ohne weiteres als Witzelei abgetan werden, denn eine mit Lloyds of London abgeschlossene Versicherung enthielt den bizarren Zusatz, Shirley dürfe zum Zeitpunkt ihres Unfalls nicht unter Drogen stehen, und die Feministin Susan Faludi schrieb gar in ihrem Bestseller "Backlash" (1992), die durch die Weltwirtschaftskrise geschwächten Männer hätten keine starken Frauen mehr ertragen können und deshalb Mae West durch Shirley Temple ersetzt, die genauso aussah und leichter zu handhaben war.Shirley Temple als Geheimwaffe des Patriarchats? Zweifellos gibt es in ihren Filmen Momente, die für Unbehagen sorgen.Schon mit drei Jahren verkörperte sie ein Call-Girl.Nach ihrem Durchbruch 1934 wurde ihr ein anständigeres Image verschafft, doch das macht die Sache nicht besser.Wiederholt spielte sie Waisenmädchen, die von alleinstehenden Männern gerettet und verwöhnt werden - nicht von Ehepaaren oder alleinstehenden Frauen.Manchmal lebt der Vater noch, dann sitzt Shirley auf seinem Schoß und singt "Let me be your wife" oder "In every dream I caress you".Der Mann, der ihr 1935 den Oscar überreichte, zwang sie, ihm einen Kuß zu geben, erst danach durfte sie die Trophäe entgegennnehmen.Shirley Temple selbst bezeichnete einige ihrer Filme als "zynische Ausbeutung unserer kindlichen Unschuld".Allerdings wußte sie sich zu wehren.Als sie zwölf war, bestellte sie der MGM-Produzent Arthur Freed zu sich ins Büro und entblößte sich vor ihr.Sie hat ihn einfach nur ausgelacht. Mit der Existenz schmutziger alter Männer läßt sich der Erfolg von Shirley Temple nicht erklären.Entscheidend für ihre Popularität war nicht die aufreizende Kostümierung, sondern der unglaubliche Optimismus, den das Publikum in den dreißiger Jahren bitter nötig hatte.Shirley Temple war kein hilfloses, sondern ein selbstbewußtes Kind voller Eigeninitiative.Souverän meisterte sie die peinlichsten Situationen.Sie stand für eine neue, starke Generation, die alles im Griff hat.Während ihre Beliebtheit um 1940 nachließ, erfüllte sie weiterhin ihre Vorbildfunktion als dreifache Mutter, als US-Botschafterin in Ghana, und als eine couragierte Frau, die offen über ihre Krebserkrankung und ihre Brustamputation spricht.Hollywood hat sie, anders als Judy Garland, nicht zerstört.Heute wird Shirley Temple 70 Jahre alt.

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