Kultur : Holocaust: Der Schlachtbank entkommen

Alexander Pajevic

Es gibt nur wenige Quellen für Berichte über jüdischen Widerstand im Dritten Reich, und so hat sich über lange Zeit für den Massenmord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden das Bild des passiven Opfers gehalten, das wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wird. Doch es gab Widerstand, es gab den Aufstand im Warschauer Ghetto, an den heute noch jährlich gedacht wird, und es gab in dem lange Zeit kaum bekannten Vernichtungslager Sobibor eine Revolte, bei dem die Insassen einen Teil der Wachmannschaften töteten und entflohen. Thomas Blatt, einer der heute noch lebenden Beteiligten hat mit "Nur die Schatten bleiben" ein Buch über den Aufstand geschrieben, bei dem 320 Juden aus dem Lager entkommen konnten. Für nur 53 sollte die Flucht erfolgreich sein.

Mit militärischer Genauigkeit

250 000 Menschen wurden in Sobibor ermordet; die meisten von ihnen waren polnische Juden, aber in Zügen wurden auch Deportierte aus Westeuropa mit der Illusion einer Umsiedlung in die Gaskammern geschickt. Das schließlich jüdische Soldaten und Offiziere der sowjetischen Armee eingeliefert wurden, bezeichnet Blatt als den "Fehler", der den Nazis von Sobibor zum Verhängnis werden sollte. Ihre militärische Ausbildung, das Wissen um die Niederlage von Stalingrad und den Rückzug der Wehrmacht ließen sie nicht vor ihrem Schicksal kapitulieren. Sie planten mit militärischer Genauigkeit den Aufstand, dessen Schema Blatt kurz und knapp umschreibt: "Wir kalkulierten schließlich vor allem mit der Dreistigkeit der Deutschen, ihrem machtbesessenen Umgang mit den scheinbar gefügigen Juden, ihren immergleichen Tagesrhythmus, ihrer eisernen Pünktlichkeit und ihrer Gier. Kurz gesagt, der Plan sah die heimliche Ermordung so vieler Nazis wie möglich innerhalb einer halben Stunde vor und dann einen offenen Aufstand." Im Oktober 1943 kam er zum erfolgreichen Aufstand. Der damals erst 16 Jahre alte Blatt entkam und konnte sich bis zum Ende des Krieges in den Wäldern verstecken. Heute lebt er in den USA und hält in der ganzen Welt Vorträge über seine Erfahrungen.

"Nur die Schatten bleiben" ist weit mehr als ein Quellendokument für den jüdischen Widerstand gegen die Nazis. Der Aufstand selbst wird auf nicht einmal zwei Dutzend Seiten in der Mitte des Textes abgehandelt. Blatts Bericht ist vielmehr das Zeugnis eines Überlebenden, aus dem in jeder Zeile der Drang spricht, das Unbegreifliche, am eigenen Leib Erlebte in Worte zu fassen und so die Erinnerung daran zu bewahren.

Im ersten Drittel des Buches wird das Schtetl von Izbica, wo Blatt 1927 zur Welt kam und eine unbeschwerte Kindheit verbrachte, bis die faschistische Gewalt über das Leben dort hereinbrach. Blatt schildert, wie ukrainische Freiwillige die jüdische Bevölkerung mit Pogromen terrorisierten, wie er als Fünfzehnjähriger mit falschen Papieren ausgestattet vergeblich versuchte zu fliehen und wie er schließlich mit seinen Angehörigen in das Vernichtungslager Sobibor gebracht wurde. Als Einziger seiner Familie wurde er nicht ermordet. In Arbeitskommandos, bei denen er den Neuankömmlingen die Haaren abschneiden musste, bevor sie in die Gaskammern geschickt wurden, überlebte er die "Hölle von Sobibor", deren unvorstellbaren Alltag er in nüchternen Worten dokumentiert.

Schließlich schildert Blatt auf mehr als hundert Seiten sein Leben im Versteck. In der ständigen Gefahr erkannt und verraten zu werden - fünf Kilo Zucker gab es für jeden abgelieferten Juden - überlebte er nach seiner Flucht in den Wäldern seines Heimatstädtchen Izbica, bis er schließlich nach der deutschen Kapitulation vor polnischen Antisemiten fliehen musste.

Besessener Chronist

Ist das Buch aufwühlend? Das wäre wohl das Geringste, was zu sagen wäre, auch wenn die Beschreibungen der Grausamkeiten, der Banalitäten des Unmenschlichen an sich nicht neu sind. Blatt ist ein penibler, besessener Chronist. Bis zur Belanglosigkeit schildert er etwa die Details seiner Flucht, welchen Weg und welche Abzweigung er zu seinen verschiedenen Verstecken genommen hat. Und doch ist das Buch ein weiteres wichtiges Dokument wider das Vergessen.

Wie schnell das Vergessen geht, dokumentiert vielleicht mehr als alle derzeit geführten Debatten in kalter Eindringlichkeit ein im Anhang des Buches abgedrucktes Gespräch zwischen Blatt und dem ehemaligen Lagerkommandant von Sobibor, Karl August Frenzel. Frenzel war bei dem Aufstand nicht zugegen; er wurde 1966 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und 1983 aus der Haft entlassen. Antisemit will der Mann, der die Ermordung einer Viertel Millionen Juden verwaltet hat, nie gewesen sein, doch er hatte ja seine "Pflicht" zu tun, beteuerte er seinem Gegenüber, den er selbst als Arbeitssklaven selektiert und dessen Familie er ins Gas geschickt hatte.

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