Kultur : Holocaust-Gedenktag: Rent a Jew

Es ist immer the same procedure as last year. Die deutsche Sektion der Welthungerhilfe ruft zum Jahresende zu ihrer Aktion "Brot statt Böller" auf, und dann geben die Deutschen doch 200 Millionen Mark für Raketen. aus. So haben die einen ihren moralischen Auftritt und die anderen ihren Spaß. Und kaum hat das neue Jahr angefangen, kommt das selbe Prinzip wieder zum Einsatz, diesmal im Gewande der Erinnerung. Am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. Seit der Bundestag 1995 diesen halboffiziellen Feiertag eingeführt hat, steht nicht nur fest, dass der Holocaust wirklich stattgefunden hat, es wird auch alles getan, damit er nicht wieder passieren kann. 1998 hat der rheinland-pfälzische Landtag "wegen der Bedeutung des Tages" eine Sitzung im ehemaligen KZ Osthofen abgehalten, "um der Opfer zu gedenken, Trauer über Leid und Verlust auszudrücken und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenzuwirken".

In diesem Jahr lädt die Konrad Adenauer Stiftung zum "Tag des Gedenkens" Berliner Schüler zu einer Diskussion ein. Grundsätzlich keine schlechte Idee, wenn man die Schüler über ihre Erfahrungen mit Eltern und Großeltern und über ihre Ansichten zu den Neonazis heute reden lassen würde. Aber das wäre dann sozusagen eine rein deutsche Angelegenheit, die Innenansicht eines historischen Darkrooms. Für den richtigen Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus sind in Deutschland die Juden zuständig. So sind es auch diesmal Juden, die den Schülern als Diskussionspartner vorgesetzt werden: u.a. ein Vertreter des American Jewish Committee, der Vorsitzende eines Landesverbandes jüdischer Gemeinden, die Chefredakteurin der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung", der Geschäftsführer des Zentralrates der Juden in Deutschland, eine "Zeitzeugin" und Rafael Seligmann, Sprecher des deutschen Landjudentums - insgesamt acht "jüdische Mitbürger", Repräsentanten der neuen deutschen Leidkultur.

Man könnte das Ganze auch "Juden zum Anfassen" oder "Rent a Jew" nennen, wenn nicht auch ein Nicht-Jude mit von der Partie wäre, ein Jesuitenpater, der vermutlich erzählen wird, wie die Jesuiten während des Krieges Widerstand geleistet und danach geholfen haben, Nazis nach Südamerika zu schleusen. Kein Kommunist, kein Zeuge Jehovas, kein Homosexueller, die ja alle auch verfolgt worden sind, darf bei dieser exklusiven Runde mitreden.

Wenn also die primäre Qualifikation, sich über den Nationalsozialismus äußern zu können, darin liegt, dass man Jude sein muss, stellt sich die Frage, warum zu solchen Festlichkeiten immer dieselben TeinehmerInnen eingeladen werden - diesmal kommen auch noch Salomon Korn, Lea Rosh und Michel Friedman zu Wort - und warum nicht mal ein paar jüdische Sozialhilfeempfänger, die es ja auch gibt, gebeten werden, den Nationalsozialismus aus ihrer Sicht zu erläutern. Wäre doch interessant zu hören, wie das Leben nach dem Überleben aussieht, wenn man mit weniger als 1000 Mark im Monat auskommen muss.

Womit wir wieder bei "Brot statt Böller" wären. Brot ist wichtig, aber Böllern macht mehr Spaß. Auch am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

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